„Vor Gott und in Wietze ist nichts unmöglich!“ (Otto Meier, ehem. Rektor der Steinförder Schule)

Wetter: Kälteeinbruch 1978/79

Das alte Jahr verabschiedete sich mit einem Kälteeinbruch, wie wir ähnliches seit 50 Jahren nicht mehr erlebt haben. Während das an Kälte und Eis gewöhnte Moskau mit minus 35° C den Kälterekord hielt, wurden in Sibirien dagegen vergleichsweise "milde" Temperaturen von -8° C - 13° C am Tage und bis -22° C in der Nacht registriert, so dass wir mit Recht von einer "sibirischen Kälte" zum Jahreswechsel bei uns sprechen konnten.

Ich erinnere mich noch gut an den kältesten Winter dieses Jahrhunderts 1928/29. Hohlwege bei Straßen und Eisenbahnen waren über Nacht "randvoll" Schnee geweht, so dass jeder Verkehr zusammenbrach und die Schule für längere Zeit ausfiel.
Doch zwischen 1928/29 und 1978/79 sind genau 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert, vergangen. Die Menschen damals, meine ich, haben den Kälteeinbruch problemloser überstanden, als wir heute. Zwar brachen auch damals die elektrischen Leitungen, weil durch Nässe und Schnee sich armdicke Eispanzer um die Drähte bildeten, doch wurde der elektrische Strom fast ausschließlich für Beleuchtungszwecke benutzt und da dieser Lichtstrom verhältnismäßig teuer war, hatte jeder Haushalt noch seine Petroleumlampe und einen Kerzenvorrat. Es gab kaum Haushalte mit zentraler Heizungsanlage, in den Wohnstuben stand der Kachelofen und im Holzstall war ein genügend großer Vorrat an Holz und Briketts. In den Wärmeröhren dieser Öfen lagen Wärmesteine oder Wärmflaschen fürs Bett, das nicht im temperierten Schlafzimmer stand, sondern das ein dickes Federbett als Zudecke hatte.

Viele Haushalte, besonders in modernen Neubauwohnungen mit nur Ölheizungen waren nach diesem Kälteeinbruch plötzlich so kalt, dass insbesondere älteren Menschen der Erfrierungstod drohte. Die Kühlschränke und Gefriertruhen waren zwar ohne Strom, doch das Auftauen der Speisen war manchmal nicht möglich. Was nützen die Beratungen über Rundfunk und Fernsehen, wenn der Strom fehlt und batteriegetriebene Rundfunkgeräte ebenfalls unter der großen Kälte litten, weil die Batterien bald erloschen. In vielen Bauernhöfen waren wieder Menschen gefragt, die melken konnten. Wasser war nur zu haben, wenn die Wasserleitung nicht einfror oder aber ein Ofenfeuer den Schnee schmelzen konnte. Eine Kanalisation wird mit elektrischen Pumpen betrieben, bei Stromausfall sind in den Pumpetationen Notstromaggregate vorhanden, die schon einmal versagen können und dann zum Rückstau des Schmutzwassers bis in die Keller Veranlassung geben. In Schleswig-Holstein hat es auch diesen schrecklichen Fall gegeben.

1928/29 waren die Ereignisse anders bei gleichen Wetterbedingungen, weil der Mensch sich noch nicht in diese Abhängigkeit zur Technik begeben hatte. Er war dem Wetter mehr ausgesetzt und ihm verbunden. Er wusste sich zu schützen und bedachte: Wer keine Wärme hat, ist aufgeworfen. Fahren. wir heute durch ein Unwetter mit dem Auto, so spürt der Mensch nicht viel vom Geschehen außerhalb des Wagens: Doch in Wirklichkeit ist nur ei dünne Glasscheibe zwischen den Naturgewalten draußen und den Menschen drinnen. Erst wenn der Strom ausfällt, wenn der Wagen im Schnee stecken bleibt, packen den Menschen diese Gewalt. Dann gibt es ein einziges Erschrecken…..

Dr. Erich Bunke - Auszug aus seinem Buch »Wietze im 20. Jahrhundert«