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Wieckenberg: Hoppenstedt erzählt

Vater Hoppenstedt erzählt über Wieckenberg
(aufgeschrieben von Margot Pfeiffer, Wieckenberg, Februar 1975)

Vor einigen Wochen wurde Hermann Hoppenstedt 85 Jahre alt, Anlass genug für ein Interview mit ihm. Wer ihn kennt, weiß, dass er längst zu einem Teil Wieckenberger Geschichte unseres Jahrhunderts geworden ist. Mit seinen Erzählungen wandern wir noch weiter zurück in vergangene Jahrhunderte, die durch ihn wieder lebendig werden. Für die gebürtigen Wietzer und Wieckenberger sind es bekannte Geschichten, für die "Zugereisten" eine interessante Chronik eines kleinen Heidedorfes. Ich habe das Gespräch mit Herrn Hoppenstedt auf Band aufgenommen, beim Abhören jedoch meine Zwischenfragen und -Bemerkungen als so störend empfunden, dass ich sie bei der Niederschrift fortgelassen habe. Alles andere habe ich wörtlich mit ganz geringfügigen Änderungen aufgeschrieben.

Vater Hoppenstedt erzählt
Ich bin hier in Wieckenberg am 20. Januar 1890 geboren. Vor kurzem wurde ich 85 Jahre alt, ein schönes Alter. Dem Alter entsprechend bin ich immer noch gut zuwege, meine Gedanken sind noch gut, und ich kann noch gut marschieren, ich habe noch keine Beschwerden mit meinen Beinen.

Ich habe in Wieckenberg die Schule besucht, und wie ich 1904 aus der Schule entlassen wurde, da hin ich drei Jahre bei meinem Vetter, dem Bauern Hoppenstedt (aus dem Hause ist mein Vater gebürtig) auf dem Hof gewesen. Früher war es so, wenn mehrere Jungens in einer Familie waren, bekam der Älteste den Hof, die anderen mussten sehen, wie sie unterkamen. Mein Vater hatte damals das Grundstück gekauft und 1884/86 das Haus gebaut.
1908 bin ich dann zur Deutschen Erdöl-Aktiengesellschaft gegangen und habe im Bohrbetrieb und in der Gewinnung gearbeitet. 43 Jahre war ich dort, zuletzt war ich Schichtführer und Platzmeister. 
Am 1. Januar 1956 bin ich als Rentner abgegangen, habe dann noch lange Jahre im Walde gearbeitet oder in der Wietzenbruch-Genossenschaft Gräben ausgemäht mit einem alten Herrn, Vater Constabel. Das war eine schöne Zeit. Jetzt lebe ich so in Ruhe weg.

Und die Kapelle, da komm ich jetzt drauf:
So um 1900 hat meine Mutter die Kapelle sauber gehalten bis 1918. Dann starb meine Mutter, und meine Frau übernahm die Arbeit. Zwischendurch, wie der Krieg vorbei war - wir hatten auch Vieh zu Hause, und die Kinder waren klein - ist meine Frau zum Kirchenvorstand gegangen und hat gesagt, dass sie die Arbeit abgeben will, weil sie doch selber genug Arbeit hatte. Dann hat eine andere Frau aus Wieckenberg die Reinigung übernommen, aber nur für ein halbes Jahr, dann hat es meine Frau wieder gemacht.

1947 kam ein Pastor Schuster aus Siebenbürgen, von dem bin ich 1949 als Küster eingesetzt worden. Die Kleinarbeiten in der Kapelle machten früher die Schulkinder, auch das Läuten, aber dann habe ich das alles übernommen. 
Im November 1974 waren es 25 Jahre, dass ich Küster bin. Meine Frau hat damals immer noch saubergemacht, und ich war ihr bei allem behilflich. Das war auch eine sehr schöne Zeit. Ich freue mich immer, weil so oft Besuch kommt.

Voriges Jahr, das kann ich ja ruhig sagen, da ist nur an Besuchsgeldern in der Kapelle DM 1.400 zusammengekommen, nur an Besuchsgeld! Von diesem Geld bekomme ich 30 %, das ist schon damals beim Verkauf der Kapelle von der Gemeinde beschlossen worden. Aber darauf komme ich später noch zu sprechen, wenn ich vom Gutshof spreche.

Aber nun zu Stechinelli selbst:
Er wurde am 18. April 1640 in Rimini in Italien geboren. Wie ich schon in die Schule ging, sagte unser Lehrer, das wäre alles eine Sage. Stechinelli hat es verstanden, sein eigentliches Herkommen nicht der Öffentlichkeit preiszugeben. Es weiß keiner genau, wo er sigentlich herkommt.
Einmal wird gesagt: Herzog Georg Wilhelm von Celle war in Italien und dort ins Feld ausgeritten, wo der Junge seine Schafe hütete. Der Junge hielt dem Herzog einen alten Hut hin, dieser gab ein großes Geldstück hinein. In Wirklichkeit sollte er das Geld behalten, aber der Junge lief zum Kaufmann, ließ das Geld wechseln und gab es dem Herzog auf Heller .und Pfennig zurück.
Die andere Geschichte ist so: Man habe dem Herzog in Italien nach dem Leben trachten wollen, man habe ihn vergiften wollen; der Junge ist dahinter gekommen - als 16jähriger und hat dem Herzog das Leben gerettet. Dann hat ihn der Herzog mit nach Celle genommen. Ob es alles stimmt, weiß niemand. Wenige Stunden vor seinem Tode soll er all seine Akten und Papiere verbrannt haben.

Gestorben ist er am 26. November 1694, und am 30. November 1694 ist er in Hildesheim an der Magdalenenkirche zur letzten Ruhe gebettet worden. Er wurde nur 54 Jahre alt. Was er für Schulen besucht hat, weiß man auch nicht. Jedenfalls war er ein sehr tüchtiger Kaufmann. Am Celler Hof hat er alle Einkäufe getätigt, dann hat er sich die Monopole für Textilien und Weine verschafft. Dann wurde er Generalpostmeister, er hat die Post eingerichtet von Celle über Wieckenberg nach Nienburg. Das Gasthaus von Frau Plesse, da steht es ja noch drüber "Zum Alten Postkrug", war seine erste Poststation, dann Hope und Nienburg. Die Post hatte Stechinelli vier Jahre, dann hat er sie an einen Herrn von Platen abgegeben und bekam damals für die Konzession - das muss man sich mal überlegen - 26.000 Taler, das war in der damaligen Zeit eine Menge Geld.

1677 hat er hier den Gutshof erworben für 3.000 Taler, 1692 hat er die Kapelle als Gutskapelle gebaut. Er war katholisch, sonst waren hier ja keine Katholiken ansässig; trotzdem hat er mit der evangelischen Kirchengemeinde in Winsen (Aller) einen Kontrakt abgeschlossen, dass die Pastoren von Winsen alle vier Wochen hierher mussten nach Wieckenberg zum Gottesdienst. Seitdem besteht diese Regelung, und so ist es heute noch, dass bei uns alle vier Wochen Gottesdienst abgehalten wird.

Im Jahre 1907 wurde in Winsen ein dritter Pastor eingeführt, Pastor Isenberg war das. Seine Wohnung hatte er aber in Wietze. Der hat die Kapelle renovieren lassen, da war es erst einmal für längere Zeit aus mit den Gottesdiensten in Wieckenberg.

Wir gehörten ja damals zu Winsen. Pastor Isenberg wollte die Kirchengemeinde Wietze von Winsen trennen, aber das ist ihm nicht geglückt, und dann ist er bald weggegangen.

1915 kam ein Pastor Wrede, der hat am 1. April 1921 seine Unterschrift gegeben, dass die Kirchengemeinde Wietze selbständig wurde - und das, ohne den Kirchenvorstand davon in Kenntnis zu setzen. Die sind dann über ihn hergefallen, dann hat sich Pastor Wrede weggemeldet.

Vergangenes Jahr im Frühjahr war ein Reporter hier vom Norddeutschen Rundfunk. Ich habe ihm von der Kapelle erzählt. Da wurde ich gefragt: "Wie lange ist die Kirchengemeinde selbständig?" Ich sagte ihm: "Seit 1921". 
Ein paar Tage später bekam ich eine Postkarte aus Hannover von einer Frau Lüttenbruck, geb. Wrede. Das war die Tochter von Pastor Wrede. Sie schrieb mir: "Das kann doch nicht stimmen mit dem Jahr 1921. Wo liegt denn da der Irrtum? Mein Vater kam 1915 nach Wietze. Vorher war doch auch schon ein Pastor dort. Also muß die Kirchengemeinde Wietze doch schon länger existiert haben." 
Da habe ich ihr das genau mitgeteilt, wie ich es eben schon erzählt habe, dass erst die Unterschrift zur Trennung von Winsen geführt hat. Vorher, von 1907 bis 1921, gingen auch alle Kirchensteuern nach Winsen.

Nun zur Kapelle und zu Stechinelli zurück: 1692 hat er die Kapelle bauen lassen, aber er hat keinen Gottesdienst miterlebt. Er ist ja 1694 gestorben, aber erst am 28. Oktober 1698 war der erste evangelische Gottesdienst, wurde die Kapelle eingeweiht, seine Frau hatte sie fertigbauen lassen. 
Stechinelli war zweimal verheiratet, beide Frauen waren evangelisch; seine erste Frau war eine französische Hugenottin, seine zweite Frau war die Tochter des Hofrates Breiger an der Stadtverwaltung in Celle. Aus diesen beiden Ehen gingen 13 Kinder hervor, aus der ersten 8, aus der zweiten 5 (6 Söhne, 7 Töchter). Die Söhne sollen katholisch und die Töchter evangelisch erzogen worden sein. Ob das stimmt, weiß man auch nicht. Er ist ja seinerzeit geadelt worden und hieß dann Freiherr von Wieckenberg. 1943 war ein österreichischer Offizier hier, ein Oberleutnant, das war ein Freiherr von Wieckenberg, einer aus der Linie der Stechinellis.

In der Sakristei hängt ein kleines Bild von Stechinelli, das ist uns erst 1965 von der Schriftstellerin Carla Meyer-Rasch aus Celle überwiesen worden. Sie war vergangenen Sommer auch einmal zum Gottesdienst hier. Sie erzählte, dass sie mit einer Familie von Wieckenberg noch in schriftlicher Verbindung steht.

Wenn wir nun die Kapelle selbst betrachten: Wenn Sie reinkommen, ist links der Stuhl vom Gutsherrn, da wird die Frau vom Stechinelli gesessen haben, darüber sind die Nischen mit den vier Evanelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie sind erst in jüngerer Zeit hierher gekommen, etwa 1908/09 von dem damaligen Superintendenten Röbbele aus Celle. Dieser Superintendent wurde später der Schwiegervater von Pastor Isenberg. dem wir es zu verdanken haben, dass die Kapelle wieder instand gesetzt wurde. 1907 war die Kapelle weiß angestrichen, in der Mitte starden drei große Pfeiler, die Decke war abgestützt.

Nun zum Altar: Manch einer, der in die Kirche kommt, denkt, das ist alles aus Gips, es ist aber Holz Wenn man das sieht, muss man sagen: Zeit und Kunst liegen darin. Es ist Lindenholz, also weiches Holz, das sich leicht bearbeiten lässt. Der Altar ist von einem Holzschnitzer aus Celle namens Conrad Heinrich Bartels angefertigt worden. Die Kanzel hier ist identisch mit der Kanzel in der Stadtkirche in Celle. Man vermutet, dass sie von ein und demselben Fachmann angefertigt wurden. Die Kanzel in Celle ist natürlich größer, der Stil - also Barock - ist derselbe.
Das Gestühl ist das alte Gestühl von damals. Die Orgel ist erst 1971 von einem Orgelbauer aus Ludwigsburg eingebaut worden, vorher hatten wir ein Harmonium.
Die beiden Bilder, die rechts und links hängen, sind typisch katholisch: Mutter Maria und Franz von Assisi. Im Bild der Mutter Maria steht unten links in der Ecke "1840 Herrenhausen". Wie das Bild damals von Herrenhausen hergekommen ist, weiß man nicht genau.

Wie ich schon sagte, wie Pastor Isenberg 1907 herkam, standen in der Mitte drei Pfeiler; 1827 hatte man die alte Bemalung übergeweißt, weil alles so grau und häßlich aussah. Der damalige Eigentümer - Herr von Beulwitz - wollte die Kapelle verkaufen oder abreißen lassen. Da hat ihm die Landeskirche immer wieder geschrieben, aber der hat sich gar nicht gemeldet. In Winsen war Superintendent Hildebrandt; auf seine Initiative hin hat Herr von Beulwitz sich erweichen lassen und Geld dazugegeben, damit die Kapelle renoviert werden konnte. Einen Teil hat also der Eigentümer bezahlt, die Kirche hat auch etwas dazugegeben. Dann wurde ein Gehänge über der Decke angebracht, so dass sie nicht mehr von unten abgestützt werden musste. Die Pfeiler wurden wieder entfernt.

Neben der Kirche stand damals ein Holzturm, da war die Glocke drin, denn damals war ja noch kein Turm auf der Kapelle. Der alte Turm war dann aber so morsch, man hat ihn weggenommen. Ob die Glocke, die da drin war, nun nach oben gekommen ist, weiß ich nicht ganz genau. Jedenfalls stand in der Glocke, die oben hing, die Jahreszahl 1834 oder 1835. Ich bin ja oft genug auf dem Turm gewesen, um die Glocke zu ölen. Am 12. April 1945, als Wieckenberg unter Beschuss war, wurde die Glocke oben weggeschossen, auch die Decke wurde beschädigt.

1951/52 war der Kirchenmaler hier und hat die Decken wieder ausgebessert, das war ein Mann namens Droste aus Hameln. Der war schon 1911 hier, damals war er ein junger Bengel von 22, jetzt war er 63. Er hatte mir damals gesagt die Farbe ist echt, die hält 1.000 Jahre. Die Löcher in der Decke waren so groß, man konnte von innen den Himmel sehen, die hat alle Karl Grosse aus Wieckenberg ausgebessert.

Am 22. Mai 1944 fiel hier eine Luftmine, da gingen alle Fenster in die Brüche, das waren verbleite Fenster wie heute auch wieder. Erst hat Tischler Engelke helles Glas in die kleinen Fenster eingesetzt, die sind dann 1959 nach dem alten Stil erneuert. Sie sind aber etwas matt an der Giebelseite, die Scheiben an der Ostseite sind ja bunt.

1962 ist das Dach erneuert worden. In den letzten 30 bis 40 Jahren sind ca. 50.000 Mark angewendet worden für die Erhaltung der Kapelle. Seinerzeit sollte noch das Gestühl erneuert werden, an den Bänken waren damals an beiden Seiten so eine Art Notsitze, die sind als erstes entfernt worden. Schade! das war immer so romantisch. Wann nun noch ein neues Gestühl reinkommt, entzieht sich meiner Kenntnis, das werde ich wohl nicht mehr erleben.

Von 1816 bis 1920 hatte der Bauer Krüger den Gutshof in Pacht und war somit auch für die Kapelle verantwortlich. Das war damals ein großer landwirtschaftlicher Betrieb mit ca. 800 Morgen Land. 1920 wurde der Gutshof, der bis dahin der Familie Beulwitz gehörte, einem Zirettenfabrikanten aus Minden/Westf. verkauft, er hieß Leonhardi. 
Der hat seinerzeit die neuen Gebäude anbringen lassen hinter der Kapelle, die Scheune, den Pferdestall, den Schweinestall und das große Herrenhaus. Eine Berliner Firma hat das gemacht. Wie die Pilze schossen die Gebäude aus der Erde, in einem Jahr war alles fertig. Ich glaube, es waren so 30 bis 40 Handwerker hier. 
Früher gab es das noch nicht, dass die Lastwagen alles brachten, abkippten und fertig. Das ganze Material kam mit der Bahn nach Wietze. Die Bauern und die kleinen Leute, die Pferde hatten, haben das ganze Material vom Bahnhof zur Baustelle gebracht, das war für sie dann noch ein kleiner Nebenverdienst.

Dann kam der Schwiegersohn von Leonhardi, namens Gräffe, der sollte nun hier den Gutsherrn spielen. Wie der hier anfing zu wirtschaften, haben wir gleich gesagt, das wird nichts, der ging zu großzügig vor. Er bekam dann auch kolossale Rückschläge, nach 2 bis 3 Jahren starb seine junge Frau, ich sehe sie noch vor mir, das war eine gute Frau, ihr erstes Kind hieß Erika. Dann ging sein ganzes Vieh ein. Das war eine eigentümliche Geschichte. Sein Schwiegervater hatte ihm 10 bis 12 erstklassige Milchkühe in den Stall gesetzt. Aber dann stellte sich heraus, dass sie alle krank waren. Im Herbst waren sie so abgemagert, dass sie noch nicht einmal den Weg zur Weide machen konnten. Erst hatte man ja einen alten Mann im Visier, da glaubte man schon, der hätte die Kühe behext. Erst im Sommer 1971 erfuhr ich dann vom damaligen Tierarzt Dr. Hörchner, dass die Tiere damals unwiderruflich verloren waren, die hatten bereits, als sie herkamen, Blutkrebs. Wahrscheinlich hatte man dem Leonhardi damals schon die kranken Kühe verkauft.

1926 verkaufte Leonhardi das Gut an Beindorf in Hannover, der hat es dann aber bald an Krüger verkauft. Dann wurde der Hof aufgeteilt. Einer der Pächter hieß Waldmann, aber der hatte auch kein Glück, dann kam einer namens Krause, der war Schweizer bei Krügers. Der Boden ist hier einfach zu leicht, die Erträge waren zu gering. Nach und nach ging dann der Gutshof ein.

Nun wieder zur Kapelle Die wollte damals keiner kaufen Die Landeskirche, die Gemeinde Wietze haben es auch abgelehnt. Hier war damals ein Pastor Bucher, der und der Kirchenvorstand hatten kein Interesse an der Kapelle Sie hatten ja ihr Vereinshaus in Steinförde. Dann hat sie die politische Gemeinde Wieckenberg für 6.000 Mark gekauft, ca 34.000 wurden gefordert. In den 30er Jahren war Pastor Benjes hier, da wollte die Kapelle schon kaufen, aber er wollte den Gottesdienst nicht am Sontagvormittag, sondern nachmittags abhalten lassen, und das haben wir dann abgelehnt. Ich weiß das genau, ich war mit im Gemeindeausschuss Dann kam 1949 Pastor Schuster, wie ich schon anfangs sagte, dann haben wir die Kapelle für 500 DM der Kirchengemeinde Wietze sozusagen geschenkt. Unsere kleine Gemeinde hätte das alles nicht aufbringen können.

Vergangenen Sommer saß ich eines Tages m Garten, da kam ein älteres Ehepaar; die Frau sagte, sie sei Frau Wuthmann, eine geborene Leonhardi. Das war die Irmgard, die zweite Tochter des damaligen Gutshofbesitzers. Sie hatte damals einen Offizier geheiratet, der ist jetzt General a.D.. Wir haben uns lange über alles, was ich hier erzähle, unterhalten. Ich habe mich auch nach Herrn Gräffe erkundig. Der ist 1971 in Kanada gestorben.

Nun noch einiges über die Kirchengemeinde:
1907 kam Pastor Isenberg, der war 7 Jahre hier. dann kam Pastor Wrede (die Tochter will diesen Sommer kommen, sie ist jetzt 63 Jahre alti, danach kam Pastor Bucher aus dem Elsaß zu uns. Zu der Zeit arbeitet im Kalischacht ein Mohammedaner namens Hassan Khan aus Indien. Er ist zum christlichen Glauben übergetreten. Pastor Bucher hat ihn im Vereinshaus (jetzt Germer) getauft. Der alte Hövermann und der alte Wünning aus Hornbostel waren die Paten.

Der erste Pastor im neuen Pfarrhaus war 1933 Pastor Benjes. Er wurde dann eingezogen und ist in Rußland gefallen. Dann kam ein Pastor Heldmann aus Hamburg, der war dort ausgebombt. Er ging frühzeitig in Pension und ist vor seinem Hause, wo jetzt Dr. Lauer wohnt, tätsächlich verunglückt. Er ist auf dem Neuenhäuser Friedhof beerdigt. 
Pastor Schuster war auch sieben Jahre hier, er ist jetzt an der Domkirche in Bardowick. Am 20. September 1974 wurde er 60 Jahre alt. 
Danach kam Pastor Hanske. der war am längsten hier - 14 Jahre. 
Dann Pastor Rosenbusch und jetzt Pastor Beneke und Pastor Hencke.

Das Vereinshaus hat Pastor Isenberg im Jahre 1908 bauen lassen. Da haben wir immer schöne Andachten gehabt. 
Unter Pastor Schuster wurde der Kindergarten gebaut. 
1962 hat Pastor Hanske die Kirche bauen lassen. Der ist überhaupt sehr aktiv gewesen.

Der Gutshof wird zuerst im 14. Jahrhundert erwähnt. 
Der damalige Eigentümer war einer "von Bevensen". Vergangenen Sommer war ein Graf von oder zu ... hier; er sagte, der Name Bevensen wäre ausgestorben, aber es gibt ja noch ein Dorf "Bevensen". Dann war hier noch einer namens Schacke. Seitdem haben wir hier den Schackenbusch oder wie wir jetzt sagen: Schattenbusch.

Wenn ich so an Wieckenberg um 1900 zurückdenke, standen hier zum großen Teil strohgedeckte Häuser, erst später kam das Stroh runter und Dachziegel kamen drauf. Die Straßen sind erst 1903/04 gebaut worden. Vor dem 2. Weltkrieg gab es noch keine Trecker, nur Pferdewagen. In Steinförde gab es noch nicht einmal ein Kolonialwarengeschäft, die kamen alle zu Plesse zum Einkaufen.

Die neuen Straßennahmen sind ja ganz gut, nur die "Fuhrberger Straße" muss ich beanstanden. Wir haben ja keine Straße nach Fuhrberg. Na, das sollen sie machen, wie sie wollen.

Die Schule war hier früher, wo jetzt das Feuerwehrhaus ist. Mein Lehrer hieß Knoop, der letzte Lehrer her hieß Fricke. Er ist genau so alt wie ich. Er wohnt in der Mühle bei Heinrichs. Dann kam ein Lehrer Meyer. 1919 kam Lehrer Pape, der hat die Schulchronik geschrieben, die ist sehr interessant.

Aus der Vorzeit von Wieckenberg kann ich nicht so viel erzählen. Man sagt, die erste Siedlung ist 1390 der Gutshof gewesen. Die anderen Gehöfte kann ich alle anführen, aber ob die nun zur ersten Siedlung gehörten, weiß man nicht genau. Ich nenne nur einige:

Da ist zunächst der Vollhof Krüger, 1589 hat er unter dem Namen Hoyer existiert; deshalb sagt man heute immer noch Hoyers Hof. Ob schon vor dem einer dagewesen ist, weiß man nicht. Seit 1806 ist die Familie Krüger auf dem Hof. Dann kommt der Hof von Bornemann; bis 1611 ist einer namens Wicker draufgewesen, danach kam Lohmann bis 1680, danach Bornemann. Zu Bornemanns Haus sagen sie doch immer noch Wicker Hus. Dann ist noch mein Nachbar Hövemann, das war früher der Büchtmann, der hat den Hof gekauft, er stammte aus Meißendorf. Von den Büchtmanns ist damals 1813 einer mit im Rußlandfeldzug Napoleon's gewesen und dort ums Leben gekommen.

Wie die Menschen hier gelebt haben, kann man sich gar nicht vorstellen. Was jeder sich angeeignet hatte, war sein Eigentum. Es wurde hauptsächlich Buchweizen gesät, der wächst ja auf schlechtestem Boden, auch etwas Roggen wurde angebaut. Arbeitsmöglichkeiten waren hier nicht vorhanden. Wietzenbruch war Sumpfgebiet, da haben sie das Vieh hingetrieben und von Fischzug und Viehzucht gelegt. Die alte Wietze war damals reich an Fischen, die neue Wietze wurde künstlich angelegt. Damals waren die Flüsse noch sauber, da konnte man beinahe das Wasser trinken, aber heute ist ja alles verdorben.

Über den 30jährigen Krieg hat Hermann Löns aus dem Landkreis fast nichts geschrieben. Diese Zeit war für die Bewohner nicht so schwer wie die Franzosenzeit, als Napoleon durchs Land zog. Die jungen Leute sind ja einfach eingezogen worden. Viele von ihnen sind damals in Rußland umgekommen, z. B. Ernst Friedrich Büchtemann, geb. 19.11.1789, ist in einem Hospital in Fiasko in Rußland gestorben. Das steht einwandfrei fest. Damit kann ich die Vorzeit ruhen lassen.

Wenn ich jetzt so an die Zeit von 1895 bis 1900 zurückdenke: Da sind noch 3 neue Abbauerstellen gebaut worden, das war der Hellberg, wo jetzt die kleine Gastwirtschaft Klaus ist, und dahinter - jetzt Hans Wilhelm Krüger - hieß früher Drösemeier und dann Constabel. Hier standen nur Strohhäuser. Ich sehe noch das alte Strohhaus von dem ehemaligen Hof Meinheit, das Dach war so niedrig, man konnte es anfassen. 1885 hat das ein Thies gekauft, 1901 ist es abgerissen worden und so gebaut, wie es heute dasteht. Die Wände dieser Häuser waren Fachwerk, innen war alles aus Lehm, auch die Fußböden, sogar in den Stuben. Auch das Haus von Hövermann hatte ein Strohdach, es ist 1890 abgerissen worden.

Das Haus von Kothen-Thies ist durch Blitzschlag 1888 eingeäschert worden.

Das Haus von Hermann Krüger war auch ein Heus mit Strohdach; früher war das das Hirtenhaus, da wohnten die Hirten mit ihren Familien; 22 Personen sollen das gewesen sein, da hatte jeder sein kleines Zimmer und damit war die Sache abgetan.
Da, wo jetzt bei Hövermann die große Scheune steht, war früher der Schafstall, da konnte man zur einen Seite hereinfahren, zur anderen wieder heraus. Der war viellecht 12 bis 15 m lang, 1912 wurde der Stall abgerissen und wieder neu gebaut. So um 1912 wurden die Strohdächer alle abgerissen und neu gebaut. Ob das Gutshaus früher auch ein Strohdach gehabt hat, weiß man nicht.

Die Bauern haben sich ihren Lebensunterhalt sauer verdient, der Boden war le cht, Kunstdünger gab es damals noch nicht. "Wo du nicht bist, du lieber Mist, da wachsen keine Bohnen", sagte man immer. Man kann sagen, primitiv und schlicht haben die Leute hier damals gelebt, anspruchsvoll waren die da noch nicht. Da gab es noch keine Gardinen vor den Fenstern und gestrichene Fußböden oder Tapeten. Die Stuben wurden ausgefegt und mit weißem Sand belegt. Ich glaube, es war noch vor dem letzten Weltkriege,so in den 30er Jahren, da wurde noch bei Plesse der Fußboden geschrubbt und dann mit weißem Sand ausgelegt.

Von 1840 bis 1860 war ja hier die Verkoppelung in der Gemarkung Wieckenberg, da bekam jeder seinen Teil zugewiesen, und was sie sich angeeignet hatten, war ihr Eigentum. Ob jeder nun damit zufrieden war, weiß man ja auch nicht. Mit den Waldungen war es genau dasselbe.

Der Krüger hatte damals etwa 300 Schafe. Die großen Koppeln, die am Elzer Weg liegen, waren damals Heidegebiet. Da standen Wacholder drauf und "Utzen", das waren Kiefern, die von selbst gewachsen waren. Wenn man in Richtung Friedhof geht, kommt man an dem Grundstück von Dr. Heinrichs vorbei, gleich hinter dem Pferdestall steht noch so eine alte Kanone, ganz krumm und schief.

1904 wurden hier erst die Straßen gebaut, auch nach Steinförde gab es bis dahin noch keine. Das war hier ein Dreck! Plesse war ja Poststation und ein Kolonialwarengeschäft, da musste man ja immer zum Einkaufen, man konnte mit Schuhen kaum reingehen, so dreckig war es auf der Straße.

1903 wurde die Bahn von Celle nach Schwarmstedt eingeweiht. Da kam das ganze Material an, die Bauern haben dabei verdient. Wenn eine Ladung Steine ankam, bekamen sie Nachricht, es ging dann umschichtig, einmal kam der Bauer dran und dann ein anderer. Ich habe auch mal mitgeholfen. Auf der Straße von Dettmer bis zur Brücke sind noch Pflastersteine, wenn mal eine Kanalisation nach Wieckenberg kommt, dann müssen die bestimmt auch weg.

So verschwindet eines nach dem anderen. Wenn man in Richtung Dammwildgehege geht, kommt man über eine Holzbrücke über den Kuhläger. Früher war das ein Steg, das war der "Melkersteg", da gingen die Mägde mittags oder abends zum Melken, das Vieh blieb immer draußen. Die Milch haben sie in Eimern auf dem Kopf getragen. Wenn dann eine mal Pech hatte, dann kippte auch mal ein Eimer um, aber dann haben sie sich gegenseitig ausgeholfen. Jeder hat was abgegeben, damit keine mit einem leeren Eimer nach Hause kam.

Die Schule - jetzt das Feuerwehrhaus - ist 1871 gebaut worden. Früher war die Schule bei Lindwedels, Haus Nr. 27, gegenüber Dettmer.

Von Feuersbrunst wurde das Dorf auch nicht verschont. 
1901 ist das Haus von Raabe, wo jetzt Frau Kamper drin wohnt, abgebrannt. Ich weiß noch, es war an einem Morgen im Februar, es schneite und ich ging zur Schule. Damals gab es noch keine Feuerwehr. Es gab nur eine Druckspritze, keine Saugspritze wie heute, alle 5 Dörfer hatten nur die eine Spritze, die stand in Steinförde. 
1902 brannte die Scheune von Fritz Lindwedel ab, die war gerade gebaut, die erste Ernte war drin. Aber danach ist die Scheune genau so wiederaufgebaut worden. 
Am 30.10.1920 brannten bei -10 °C 2 Scheunen voller Heu und Stroh bei Bornemann ab.
Am 19.12.1927 brannte es bei meinem Nachbarn Otte.
Am 12.4.1945 haben wir hier unter Beschuss der Engländer gelegen, da hat das Dorf sehr gelitten. Die Engländer sind dann einmarschiert und haben 3 Häuser angesteckt, erstmal das schöne Haus von Bornemann, dann das von Lindwedel, der ein paar Jahre vorher neu gebaut hatte, und die Gaststätte von Habermann, wo jetzt das Landhaus Wieckenberg steht. Bei Heune brannte der Stall, bei Eggers auch. Bei Eggers war auch eine Autogarage, da hatte er gerade seine besten Möbel und Sachen reingestellt. Er hoffte, dass dort alles sicherer war, und gerade das alles ist abgebrannt.

Der erste Eigentümer des Posthauses Plesse ist 1683 gekommen, 1689 kam ein anderer Besitzer, auch 1740 und 1756 wurde gewechselt. 1819 war einer drin, der hieß Lütcke, dann kam Köhne und 1870 kam Plesse, der kam von Engehausen, er hat hier eingeheiratet (der Schwiegervater der jetzigen Frau Plesse). 
Die Posthalter waren damals verpflichtet, die Fahrer zu verpflegen und gratis zu beköstigen, deshalb haben die so oft gewechselt. Das war bei Stechinelli so. Wie es später war, weiß ich nicht. Die Briefträger kamen von Winsen zu Fuß
zu Plesse, in Wietze gab es noch keine Post. Sie gaben dort ihre Briefe ab, jeder konnte dann hingehen und seine Post abholen.

Bei der Verkoppelung 1840 fand man auf einem Gebiet am Elzer Weg vor Rundshorn Torf. 
Hier im Ort waren 3 Gebrüder Otte: Heinrich, Fritz und Wilhelm. Den Fritz und Wilhelm habe ich noch gekannt, das waren so kleine, kräftige Männer. Einer hat auf dem Gebiet Heide gehauen, da hat er gemerkt, dass der Boden so elastisch war, er hat mit einem langen Stock hineingestochen und hat keinen Grund gefunden. Da entdeckten sie, dass das Torf war. Gerade dieser Boden, den die kleinen Leute damals bekommen haben, war nachher so ergiebig. 
Dann wurde Torf gestochen, jeder Abbauer bekam ein Fuder davon. Im Frühjahr wurde der Torf verdungen, d. h., bei einer Versammlung wurde die Arbeit ausgeschrieben; wer das billigste Angebot machte, bekam den Auftrag, den Torf zu stechen. 
Wenn er gestochen war, musste man zusehen, dass man ihn trocken bekam, danach wurde er aufgeringelt, 8 Törbe waren 1 Haufen. Mit Pferdewagen konnte man nicht auf den Moorboden drauffahren, alles musste erst abgekarrt werden. Im Herbst, wenn 40.000 bis 50.000 Törbe gestochen waren, wurde alles nach Celle gebracht. 
Für 1 Fuder Torf bekamen die Bauern 9 oder 10 Mark. Das war natürlich sehr wenig, aber manches Fuder wurde damals nach Celle geschafft. Unser Wieckenberger Torf war bekannt. Das Moorloch ist von Torf jetzt ausgebeutet.

Kothen-Thies und Bornemann hatten auch noch Bienen. Die hatten extra einen Imker. Jedes Frühjahr während der Kirsch- und Apfelblüte fuhren sie ins Alte Land. Das muss man sich mal überlegen, da gab es noch keine Autos. Da sind sie mit Heuwagen gefahren und blieben 4 bis 5 Wochen da. Sie hatten ihre Bienenkörbe mit, um den Honig rausholen zu können.

1905 wurde noch viel Buchweizen gesät. Wenn der blühte, was denken Sie, was da die Bienen drin waren! Buchweizengrütze gab es schon morgens zum Kaffee, dazu gab es Saft. Früher wurde hier viel Saft gekocht, von Zuckerrüben und gelben Wurzeln, jede Familie macht das, heute tut das fast niemand mehr. Man hat ja auch nicht mehr die Apparate und die Pressei dafür.

Übrigens hat man von den 8 Hofstellen, von denen ich anfangs sprach, ein Gedicht gemacht!

Nach dem Krieg kamen viele Flüchtlinge her, alle fanden Arbeit in der Ölindustrie, dann haben sie sich Grundstücke gekauft; in den 50er Jahren haben sie ja preiswert gebaut, die Häuser kosteten damals vielleicht 22.000 Mark. Sie haben alle eine neue Heimat gefunden und fühlen sich wohl hier.

Der Wieckenberger Friedhof ist erst 1948 angelegt worden. Vor 1910 gehörten wir ja zum Kirchspiel Winsen. Wir mussten zu jeder Beerdigung dorthin, 1910 entstand der Friedhof in Wietze.

Heute hat Wieckenberg 720 Einwohner. Bei einer Personenzählung im Jahr 1818 haben die Geschworenen Bruns und Lindwedel schriftlich festgelegt, dass Wieckenberg 19 Feuerstellen und 163 Seelen zählte.

Ich kann nicht sagen, dass das damals eine goldene Zeit war, aber die Menschen waren zuverlässiger, da hatte einer nicht mehr als der andere, jeder hatte für den Anderen etwas übrig, man war zutraulicher, heute ist alles gehetzter, als alter Mensch versteht man das alles nicht mehr so, man kommt nicht mehr mit. In der Nachbarschaft haben wir immer zusammen gesprochen. Das war wie eine große Familie, heute kenne ich längst nicht mehr alle Wieckenberger, besonders die, die in den letzten Jahren hier gebaut haben. Sonst kannte ich ja jeden Einzelnen.

Ein Gedicht hat mich seit meiner Kindheit durch mein ganzes Leben begleitet:
Herr, es ist in meinem Leben, 
wiederum ein Tag dahin.
Lehre mich nun Achtung geben, 
ob ich fromm gewesen bin.

Zeige mir auch fernerhin, 
so ich was nicht recht getan
und hilf mir in allen Sachen
guten Feierabend machen.

Diesen guten Feierabend wünsche ich allen Einwohnern von Wieckenberg.