Verkoppelung in Wietze

„Die durch das Teilungsobjekt führende Celler Heerstraße (heute B 214) und die Triften werden von den Vollmeiern, Halbmeiern und Kötnern zu Wietze, wie bisher geschehen, zu gleichen Teilen gebessert und gehalten.”

Lageskizze der Feldflur des Dorfes Wietze vor der Verkoppelung

Der insgesamt 19 §§ umfassende Rezess gibt uns vielerlei Einblicke in die dörflichen Verhältnisse der Gemeinde Wietze. Der reitende Förster Wallmann erhält von dem Brinksitzer Völker einen 5 Fuß breiten Zugangsweg über dessen Grundstück, „um schneller nach seinen Theerkuhlen kommen zu können.”
Völker wird mit einer Fläche von vier Qu.-Ruten (etwa 87 qm) entschädigt.

„Halbmeier Joh. Hr. Meinheit (W. Thies) macht sich verbindlich, bei dem neuen Aufbau seines Wohnhauses solches sowie die dabei befindlichen Nebengebäude in seine Wiese beim Hause nahe an die Trift zu setzen, damit solche den Gebäuden des reitenden Försters Wallmann nicht zu nahe zu stehen kommen und der Feuersgefahr abgeholfen werde.”

Bis dahin also hat der Theishof noch unter den Eichen am alten Dorfplan gelegen (zwischen Wallmann und Klebe).
Das Fischen in den Kolken sollte nur denen erlaubt sein, in deren Abfindungsteilen sich solche Kolke befanden.
Schließlich war man darauf bedacht, die Umwelt sauber zu halten. Wer keine Möglichkeit hatte, Flachs-Rottekulen auf seinem Grund und Boden anzulegen, der sollte das Recht haben, seinen Flachs in den - hinter den Gärten befindlichen Graben zu rotten. (Die Gärten lagen beiderseits des Weges zum Achterbüh bzw. des heutigen Schwarzen Weges.) – „Wenn jemandem ein Stück Vieh crepiren sollte, so ist er gehalten solches auf seinen eigenen Grundstücken einzuscharren.”

Man sorgte sich also durchaus um Reinhaltung von Luft und Wasser, achtete auch auf genaueste Erfüllung der (im Rezess festgelegten) Bestimmungen."

In der Spezialteilung von 1838 wurden insgesamt 94 Morgen 92 Qu.-Ruten Land verteilt. Es handelte sich u. a. um kleinere Hütungsplätze im Dorf bzw. in dessen unmittelbarer Nähe (an den Triften, hinter de Gärten nördlich der Wietze) und um Grundstücke im Achterbuh und im Vorbruch.
Die Höfner erhielten:
Wiesenland: 2 Morgen, 7 Qu.-Ruten,
Gartenland: 38 Qu.-Ruten und aus den Gemeinheiten 84 Morgen, 91 Qu.-Ruten
(insgesamt 87 Morgen, 16 Qu.-Ruten)

Zur Erbreiterung der Wege, zur Bullenwiese wie auch zu den Kartoffelkulen und den Hirtengärten bestimme Fläche 7 Morgen 76 Qu.-Ruten
insgesamt 94 Morgen 92 Qu.-Ruten

(1 Morgen = 120 Qu.-Ruten)

Zur gemeinsamen Nutzung blieben den Wietzer Bauern erhebliche Flächen, die z. T. bis weit in das Wietzenbruch reichten. Von ihnen kamen durch „Plan-Rezess über die General- und Specialtheilung der Gemeinheite vor Wietze” v. 13.12.1859 insgesamt 1.944 Morgen 86 Qu.-Ruten zur Verteilung.
Es ging dabei zur Hauptsache um Grund und Boden der Gemeinde Wietze beiderseits des Elzer Weges, etwa 200 Morgen Wiesen- und Angerflächen und 1.600 Morgen Heideland.

Hinzu kam ein Kommunion-Revier im Wetthorn, südwestlich von Wieckenberg, insgesamt ca. 35 Morgen Anger und 50 Morgen Heide, Flächen, die bis dahin gemeinschaftlich von den Dörfern Wietze, Wieckenberg und Hornbostel genutzt wurden. Ein paar kleinere Ländereien in de Nähe der Wietze-Mündung gehörten gleichfalls zum Teilungobjekt:

1. das Revier im Achterbuh nördlich vom Mühlengelande und
2. der Lamperbeu (-boy), abwärts der Wietze-Mündung nach Jeversen zu belegen.

Der Rezess lässt das Landschaftsbild deutlich werden. „Die in der Nähe des Dorfes liegenden größeren und kleineren Flächen bestehen fast ausschließlich aus Heideboden, der sich durchgängig lediglich zur Schafweide und Holzkultur eignet. Die geringe Angerflache an Wietze und Aller ist nur zu einem kleinen Teil zu Wiesen tauglich. Die Ländereien im Wietzenbruch bestehen außer den Wiesen aus mittelmäßigem feuchtem Angerboden, der sich jedoch zur Wiesenkultur eignet. Der Heideboden ist größtenteils moorhaltig und dient zum Brennplaggenhieb. Beim Dorf sind bei Überschwemmungen nur geringe Flächen, die Weiden an Wietze und Aller, betroffen. Dagegen stehen die Angerflachen im Wietzenbruch fast stets unter Wasser Da gilt besonders für den Anger im Wetthorn, der auch im Sommer selten austrocknet.”

Vielleicht ist aus diese Tatsache der Name zu erklären: wet (engl.)= feucht, naß; horn - Ecke (engl. corner).

Die Wietzer Bauern hielten im Jahr der Teilung (1859) 18 Pferde, 155 Kühe, 1.153 Schafe und 31 Schweine
Auffallend ist der hohe Bestand an Schafen. Die Heideflächen haben zu der Zeit noch bis an das Dorf gereicht. Die Schnuckenherden waren so groß, dass sie von zwei Schäfern betreut werden mussten. Einen der beiden benötigten seit 1829 die Vollhöfner Wallmann und Kähne (heute W. Hanebuth) für sich allein. Sie hatten insgesamt 421 Schafe, mussten allerdings zu den Lohnkosten für die bis dahin allein zuständige Dorfhirten beitragen. Sie hatten das Hirtenland zu ihrem Teil zu eggen und zu pflügen, mussten Mist und Feuerung fahren und zum Hirtenlohn jährlich 6 Himten Roggen entrichten.

Mit der Schafhaltung ging es nach der Teilung und Verkoppelung von nahezu 2.000 Morgen aus der Gemeinheit schlagartig zurück, da die Weideberechtigungen im Teilungsgebiet aufhörten. Dafür erhielten unser Bauern beachtlichen Zuwachs an Eigenbesitz.

Zuwachs an Eigenbesitz der Wietzer Bauern
Hof-Besitzer Zuwachs
Ökonom W. Wallmann 243 Mg., 36,7 Qu.-R.
Vollh. Kähne 331 Mg., 25 Qu-R.
Halbm. Hr. Warneke 178 Mg., 16 Qu.-R.
Halbm. Fr. Meinheit 162 Mg., 100 Qu.-R.
Kotner J. Fr. Lüßmann 154 Mg., 67 Qu.-R.
Kotner H. Hr. Meinheit 126 Mg., 5 Qu.-R.
Kotner J. Hr. Meinheit 127 Mg., 57 Qu.-R.
Kotner J. Hr. Schmidt 104 Mg., 83 Qu.-R.
Müller W. Heinrichs 62 Mg., 31 Qu.-R.

Auch die beiden neuen Anbauer in Klein-Wietze gingen bei dieser Teilung nicht leer aus:

Zuwachs an Eigenbesitz der Wietzer Anbauer
Hof-Besitzer Zuwachs
Anbauer Fr. Meinheit 40 Mg., 51.7 Qu.-R.
Anbauer Hr. Kämpfer 41 Mg. 93 Qu.-R.

Für die Gemeinde Wietze blieben 115 Morgen, 42 Qu.-R., für die Schule Steinförde - Steinförde und Wietze bildeten seit 1814 einen Gesamtschulverband - 17 Morgen 11 Qu.-Ruten.

Lehrer Bernstorf/Steinförde hatte für seine Rechnungsführung 2% der Gesamtausgaben erhalten. Leider berichtet der Rezess nicht über die Höhe der Gesamtkosten. Sie durften nicht gering gewesen sein und mussten, soweit sie nicht durch den Verkauf von Holz gedeckt waren, anteilmäßig von unseren Bauern aufgebracht werden.
Doch im Grunde werden alle zufrieden gewesen sein, konnten sie doch über die ihnen zugewiesenen Flächen frei verfügen.

Im § 11 des Rezesses werden die neu angelegten Wege und Triften im Einzelnen aufgeführt, im § 12 Bestimmungen über die Entwässerung getroffen.

Die zwischen Wietze und Jeversen belegene Lamperbeu wurde in die Vermessung und Taxation der Feldmark Jeversen einbezogen (§ 5 des Rezesses). Es handelt sich:
um Angerboden: 18 Mg. 104 Qu.-R.,
und Heideboden: 1 Mg., 27 Qu.-R.
insgesamt: um 20 Mg., 11 Qu.-R.

Die Anteile beider Dörfer wurden zu 3/5 für die Gemeinde Jeversen, zu 2/5 für die Gemeinde Wietze festgestellt.

Auch später noch erhielten unsere Wietzer Bauern beachtliche Zuwendungen aus der Verkoppelung des Wietzenbruches. Der Rezess datiert vom 6. Mai 1874. Insgesamt handelt es sich für das Dorf Wietze um eine nach den neuen Maßen festgesetzte Fläche von 73 ha, 58.8 a, um also rund 300 Morgen nach alter Rechnung.

Verkoppelung in Steinförde

Damit war die Gemeinheitsteilung und Verkoppelung abgeschlossen.
Auch für jedes andere Dorf unserer Heimat lassen sich ähnliche Vorgänge nachweisen, die unsere Landwirtschaft in eine neue Zeit führten.

Das Bild der Landschaft hat sich seitdem völlig verändert, mehr als in Jahrhunderten zuvor. Die großen Heideflächen sind verschwunden, der Wald ist das beherrschende Element geworden. Auch die Bruchlandschaft hat sich geändert. Seitdem die Stadt Hannover dem Boden erhebliche Mengen an Grundwasser zur Versorgung ihrer Bevölkerung entzieht, gibt es die Riesenüberschwemmungen im Wietzenbruch nicht mehr. Auf schnurgeraden Wegen, die z. T. aus Mitteln des „grünen Planes” befestigt sind, können unsere Bauern schnell und sicher zu ihren Äckern kommen. Gemeinheitsteilung und Verkoppelung bildeten den Auftakt einer Entwicklung, die sehr bald einsetzte und die auch heute noch nicht ihr Ende gefunden hat.

Paul Borstelmann - Auszug aus seinem Buch »Die Geschichte der Gemeinde Wietze«