
Wietze nach der Erdölzeit
Anfang der 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre
(Von Dr. Erich Bunke aus seinem Buch »Wietze im 20. Jahrhundert«)
Der Niedergang der Erdölgewinnung in Wietze war nicht nur ein kaufmännisch-betriebliches Phänomen der Deutschen Erdöl-Aktiengesellschaft (DEA), sondern vor allem auch einschneidend für die Bewohner, wie für die Gemeindeverwaltungen der vier Erdöldörfer Wietze, Hornbostel, Jeversen und Wieckenberg.
Große Geldbeträge waren durch das Erdöl als Löhne und Gehälter, als Förderzinsbeträge und Nutungsgelder an die Grundstücksbesitzer, als Gewerbe- und andere Steuern an die Gemeinden in das Wirtschaftsleben dieser Orte geflossen. Bis Ende der 50er Jahre glaubte niemand, dass diese Situation ernstlich gefährdet sei. Man lebte zufrieden, ohne große Anstrengungen in der Arbeit. Die „große Mutter DEA” versorgte alle.
Dann kamen die ersten Gerüchte, inoffizielle und offizielle Dementis konnten sie nicht zum Verschwinden bringen. Bis es durchsickerte: ... Die Tonne Erdöl aus Wietze kostet in Brunsbüttelkoog am Beginn der Pipeline nach Heide 105 DM, während die Tonne Erdöl aus arabischen Quellen aus einem Tanker in Brunsbüttelkoog nur 55 DM kostet. Diese einfache Tatsache bedeutete für Wietze das Ende der Erdölgewinnung und den Abbau der Förderanlagen.
Junge Leute kündigten zuerst und suchten sich Arbeit vor allem in Hannover. Täglich mussten sie mit dem Bus abgeholt werden oder mit dem eigenen Fahrzeug über 100 km fahren. Die Firmen Volkswagenwerk Stöcken, Continental Gummiwerke und Kabel- und Metallwerke Gutehoffnungshütte AG in Hannover boten die größten Chancen anzukommen. Doch, wenn auch der Lohn stimmte, die Freizeit stimmte nicht mehr, denn die Fahrzeit plus Sicherheitsmaß betrug zwei bis drei Stunden täglich. Ebenso war der Arbeitsrhythmus härter, die guten Plätze in fester Hand, die Fließbandarbeit entnervender, und auf den winterlichen Straßen lauerte der Verkehrstod. Die ersten größeren Entlassungen bei der DEA erfolgten. Das Gespenst der Arbeitslosigkeit schlich durch Wietze. Das war noch gut bekannt aus den 20er Jahren.
Die Tätigkeiten auf den Erdölfeldern und im Schachtbetrieb dienten nur noch dem Abbau der Anlagen, eine große Abbaufirma aus Hannover kam schnell voran. Man konnte sich ausrechnen, wann die letzte Schicht gefahren wurde.
In den glücklichen Jahren waren Firmenneugründungen in Wietze nicht gern gesehen. Man fühlte sich wohl und wollte allein bleiben. Jetzt, in der Krise zeigte es sich, dass man industriell auf einem Bein gestanden hatte.
In der Bevölkerung breitete sich Hoffnungslosigkeit aus. Die Kassen der ortsansässigen Geschäfte wurden schmäler, die „erdölzinsgewohnten Landwirte” mussten die Landwirtschaft wieder ernster betreiben. Die Gemeindearbeit in Wietze stand vor schweren Problemen. Der Bau der Schmutzwasserkanalisation in dem langgestreckten Dorf ohne natürliches Gefälle hatte gerade begonnen und wurde von Jahr zu Jahr teurer. Auch die Steuereinnahmen von der DEA wurden nicht nur weniger, sondern mussten zum Teil auch noch wieder zurückgezahlt werden, da die Vorausberechnungen nicht rechtzeitig gestoppt waren. Der Kanalausbau musste stark reduziert werden, und die Preise im Tiefbau liefen davon. Man war nicht mehr flüssig, wie in früheren Jahren. Ein ungewohnter Zustand.
Was sollte aus dem Ort Wietze werden? Diese bange Frage bewegte alle. Nach dem „Erdölspritzer” am 11. Juli 1899 durch Bohrmeister Hasenbein auf der Teufelsinsel war die Bevölkerungszahl ständig gestiegen. Von 1890 bis 1914 wuchs der Ort von etwa 200 auf 2 000 Einwohner, 1964 waren es 4 600. Alle Überlegungen hatten bisher der Erdölgewinnung und dem Mammon gedient. Auch saßen noch etwa 70 Prozent des Erdöls im Boden, es floss nur noch sehr spärlich. Es wurden in diesen Jahren zwar die Straße von Celle über Wietze nach Schwarmstedt (1900) und die Ölbahn (1903) auf der gleichen Strecke gebaut, doch die Infrastruktur des Ortes war zurückgeblieben. Die Siedlungstätigkeit wurde durch die Schaffung des Ortsteiles Neu-Wietze gefördert, doch bleiben noch genug Barackenwohnungen. Auch die Schulen waren fortschrittlich weiterentwickelt. Die DEA baute auch eine eigene Wasserleitung für ihre Wohnungen sowie eine Abwasserbeseitigung, doch diese Einrichtungen blieben zu klein. Die Straßen wurden mit Kohlenasche unterhalten, die bei der Koksverbrennung im Schachtbetrieb in größeren Mengen anfiel und hier so lange gut verwendet werden konnte, bis die Kraftfahrzeuge in den Besitz jeder Familie gelangten. Diesen Belastungen hielten diese Straßen nicht mehr stand.
Endlich, im Jahre 1963 gelang es dem damaligen DEA-Direktor, Dr. Friedrich Hoffmann, für die ehrwürdigen Bohrgerätewerkstätten einen potenten Betrieb als Käufer zu gewinnen. Es war ein Zweigbetrieb der Ilseder Hütte, die Firma Rüter-Bau aus Langenhagen. Doch die Fabrikationsstätten mussten erst noch geschaffen werden. Die alten Gebäude der DEA wurden dazu abgerissen. Trotzdem keimte wieder die Hoffnung!
Mit großer Tatkraft hat Direktor Reinig die Produktionsstätten der Firma Rüter-Bau in den Jahren 1964 bis 1973 neu errichtet. Er wurde zum „rettenden Engel” für das Wirtschaftsleben des Ortes Wietze. Zugute kam ihm dabei ein sachkundiger Facharbeiterstamm für die Metallverarbeitung, der durch jahrelange Bemühungen in der Lehrlingswerkstätte der DEA herangebildet war.
Die Firma Rüter-Bau eröffnete noch 1964 einen Zweigbetrieb für Stahlbau in Wietze. Bereits 1965 wurde ein Zweigbetrieb zur Aluminiumverarbeitung angeschlossen und 1966 begann ein Drahtwerk zur Herstellung von Baustahlmatten seine Produktion. 1967 erfolgte die Einrichtung eines Werkes für Metalleinbrennlackierungen.
1973 erhielt die Belegschaft ein modernes großzügiges Sozialgebäude. Außerdem wurde im selben Jahr mit dem Bau eines Bauteilwerkes begonnen, das wiederum zahlreiche neue Arbeitsstellen schafft.
Eine rasante Entwicklung, die dem ganzen Ort neue Möglichkeiten gab. So konnte der Ausbau der Kanalisation beendet werden und ein großzügiger Ausbau der Ortsstraßen erfolgen.
Auf der Teufelsinsel eröffnete die Gemeinde in Zusammenarbeit mit der früheren DEA am 29. September 1970 ein Erdölmuseum. Bereits im ersten Jahr wurden annähernd 5.000 Besucher gezählt. In einer besonderen Abteilung wird auf die frühere Eisengewinnung im Wietzenbruch verwiesen. Die großen Rasenerzvorkommen in der Niederung des Wietzenbruchs waren von etwa 800 v. Chr. bis 1450 n. Chr. ein wichtiger Wirtschaftszweig in unserer Heimat. Durch die Entwicklung zur modernen Hochofentechnik im Mittelalter im Siegerland und Harzgebiet war das Ende der Eisengewinnung wohl damals genauso abrupt und einschneidend, wie in unseren Jahren das Ende der Erdölzeit.
Durch die neu erstellten Werke der Firma Rüter-Bau in Wietze sind wir zum Urelement der Wirtschaftsart zurückgekehrt. Andererseits hegen die Geologen große Hoffnungen auf eine Renaissance für das Erdöl und das Erdgas in Wietze aus tieferen Lagerstätten.








