Gemeindeentwicklung: Allgemeines

Bis zur Kommunalwahl 1968 (Sicht der CDU)
(Von Dr. Erich Bunke aus seinem Buch »Wietze im 20. Jahrhundert«)

Als Anfang 1965 die ersten größeren Entlassungen bei der DEA begannen, und das Ende der Abbrucharbeiten abzuschätzen war, verstummten auch die positiven Stimmen, nämlich, dass die Erdölgewinnung noch längst nicht zu Ende sei. In der Bevölkerung breitete sich noch mehr Hoffnungslosigkeit aus. Die Kassen bei den Kaufleuten, Handwerkern und auch bei den Arbeitnehmern wurden erheblich schmäler.
Was sollte aus dem Ort Wietze werden? Diese bange Frage bewegte alle. Bei mehreren Jüngeren selbständig tätigen setzte sich die Meinung durch, dass nur politisch etwas zu bewegen sei. Die seit 1918 in Wietze bestimmende politische Kraft der SPD (von ihnen waren 90 % DEA-Angehörige) hatte kein Konzept. Die wenigen Bürgerlichen im Wietzer Gemeinderat waren aus Altersgründer bei der DEA ausgeschieden (Lammert, Schuldei), und die Gruppe um "Hein" Wiebe setzte auf politische Neutralität und versuchte, mit einer Wählergemeinschaft Änderungen herbeizuführen. Als Ende 1967 eine Gruppe um Dr. Bunke von der Wählergemeinschaft gefragt wurde, ob sie auf dieser Liste kandidieren würden, lehnten sie dieses ab und erklärten, dass, wenn es schon notwendig sei mitzumachen, sie nur für die CDU kandidieren würden. Man einigte sich, dass Wiebe und Freunde weiter für die Wählergemeinschaft und Dr. Bunke mit seiner Gruppe für die CDU-Ratsmitgliedschaft antreten sollten.

So kam es nach längeren Vorarbeiten am April 1968 zur Gründungsversammlung der CDU im DEA-Kasino Hornbostel. Frau Choitz, die Kreisgeschäftsführerin der CDU aus Celle konnte auf dieser Versammlung mehr als die notwendige Anzahl von 7, die für die Gründung eines eigenen Ortsverbandes notwendig waren, als Mitglieder feststellen. Darauf wählte die Versammlung ihren ersten Vorstand. Gleichzeitig wurde ein Wahlausschuss für die Kommunalwahl im Oktober 1968 bestimmt. Auf dieser Gründungsversammlung hielt Dr. Bunke ein Referat über die kommunalpolitische Situation in Wiete. Er führte aus:

Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Als wir vor ein paar Wochen mit den Mitgliedern der Wählergemeinschaft Wietze zusammenkamen, um die Marschrichtung für die nächste Gemeinde- und Kreistagswahl zu besprechen, standen wir wieder vor der gleichen Frage, wie bei den vorherigen Wahlen auch.
Nämlich: Wie können wir diese Wahl gewinnen? Soll nur eine Liste, sollen zwei Listen oder gar mehrere Listen aufgestellt werden, um möglichst alle bürgerlichen Stimmen zu mobilisieren. Nun, es kam an diesem Abend zu keiner Einigung in dieser Frage, jedoch wurde ein Ausschuss gewählt, der dieses Problem klären sollte.

Bei diesen Zusammenkünften wurden die Ergebnisse der letzten Gemeinderatswahlen genau analysiert. Dabei erhielten:
1961
SPD: 1.079 Stimmen
Wählergemeinschaft, DRP und BHE zusammen: 1.088 Stimmen

Die nicht sozialdemokratischen Stimmen waren also um 9 Stimmen höher. Doch 1961 kandidierten für die Nichtsozialdemokraten 3 Parteien jede für sich, und bei jeder Partei fielen die Reststimmen. die nicht mehr zu einem weiteren Kandidaten reichten, durch.
So erhielt die SPD. obwohl sie 9 Stimmen weniger hatte, als die anderen 3 Parteien zusammen, 1 Sitz mehr. den entscheidenden also.

Die logische Folgerung aus dieser Wahl war, dass man sich zur nächsten Wahl im Jahre 1965 zu einem Block als Wählergemeinschaft zusammenschloss. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Die Wähler in Wietze honorierten diese Wahlarythmetik ebensowenig wie den Zusammenschluss von BHE und DP bei der damaligen Bundestagswahl.

Bei der Gemeinderatswahl 1965 errang Bürgermeister Falk (SPD) seinen größten Erfolg mit 710 persönlichen Stimmen. Bei dieser Wahl erhielt die SPD 1.150 Stimmen, die gemeinsame Wählergemeinschaftspartei erhielt nur 982 Stimmen. Also 180 Stimmen weniger.

Das Ergebnis der Bundestagswahl im September 1965 zeigte dann aber, wohin die Wähler tendierten. Mit der Zweitstimme konnte nämlich die Partei gewählt werden, während mit der Erststimme der Direktkandidat zu wählen war.

In Wietze gab es folgendes Zweitstimmenergegnis:
1965
SPD: 1203 Stimmen
CDU. FDP und NPD zusammen: 1.121 Stimmen

Dabei hatte die CDU alleine 816 Stimmen erhalten. Der weitaus größte Teil der Stimmen der Wietzer Wähler, die nicht die SPD gewählt hatten, waren also für die CDU abgegeben worden, obwohl diese Partei bisher bei keiner Kommunalwahl aufgetreten war.
Etwa die gleiche Verteilung der Stimmen war bei der Landtagswahl 1967 festzustellen.

Die zwingende Schlussfolgerung aus dieser Analyse war:

  1. Nicht nur 1 Liste aufstellen, bei der nur 18 Kandidaten zur Aufstellung kommen sondern mindestens 2 Listen mit36 Kandidatenmöglichkeiten, von denen jeder seinen Bekanntenkreis mobilisieren kann.

  2. Zwischen den beiden Listen muss eine Zählgemeinschaft gebildet werden. damit keine Reststimmen verloren werden.

  3. Alle Konfessionen, Berufe, Vereine sowie alle Ortsteile müssen bei der Auswahl der Kandidaten berücksichtigt werden.

Der Grund für die Oberlegung zu Punkt 3 ergibt sich aus der Analyse der wirtschaftlichen Lage in Wietze nach dem Niedergang der DEA. Ob man es nun wahrhaben wollte oder nicht, es bleibt eine daß mehr oder weniger alle Belange
dieser Ortsgemeinschaft früher von der. DEA geprägt und wohl auch bestimmt wurden. Sie hatte das Gesicht wietzes geformt. Da nun aber die DEA erheblich geschrumpft ist und weiter schrumpfen wird, mussen die anderen wirtschaftlichen Gruppierungn und Interessenvertretungen stärker Berücksichtigung finden.

Der Rahmen einer Wählerpartei ist dafür ungeeignet. Sie hat weder parteiliche Bindungen in die Nachbargemeinden noch in den Landkreis noch in das Land oder gar in den Bund. wenn wietze in den Belangen des Ortes nicht isoliert bleiben will, so bleibt nichts anderes übrig, als einen starken Ortsverband der CDU zu bilden, dem ermöglicht wird, sich durch entsprechend viele Abgesandte im Kreis, im Land oder gar im Bund Gehör zu verschaffen. Dabei ist zu beachten, daß sich die Zahl der Abgesandten für den Kreis, für das Land oder gar für den Bund grundsätzlich nach der Anzahl der Mitglieder des Ortsverbandes richten wird. Es müssen also möglichst viele Mitglieder im Ortsverband vorhanden sein.

Der dritte Grund für die Notwendigkeit des Zusammenschlusses zu einem Ortsverband besteht darin, dass für das Land Niedersachsen mit seinen zukunftsvorhaben folgendes zu beachten ist. Nämlich: Dass die Zusammenlegung von Gemeinden zu Großgemeinden durchgeführt werden soll. Für uns bedeutet dies eine Zusammenführung der Orte Wietze, Jeversen, Hornbostel und Wieckenberg. Es wäre sehr schwierig, die jetzt bestehenden örtlichen Wählergemeinschaften zu einer Gemeinschaftsfraktion zusammenzuschließen, denn die einzelnen Wählergemeinschaften werden immer in erster Linie insbesondere die örtlichen Belange durchsetzen wollen. In einem gemeinsamen ODU-Ortserband aber ist eine einheitliche Linie zum Wohle aller besser zu wahren.

Als letzten Punkt für die Notwendigkeit dieser Gründungsversammlung führte Bunke die damalige innenpolitische Lage unseres westdeutschen Teilstaates Bundsrepublik an. Die studentischen Unruhen besonders in Berlin mit ihren teilweise starken Exzessen sind sicherlich noch nicht zu Ende. Sie wissen es vielleicht nur teilweise, dass auch am schwarzen Brett der schönen, neuen Mittelpunktschule hier in Wietze Pamphlete ähnlicher Art wie in den Universitäten prangten. Wissen Sie eigentlich, dass einige Lehrerinnen Mitglieder einer Kommune bei Schwarmstedt sind? Wie wollen wir solchen Entwlicklungen zukünftig entgegentreten, wenn nur eine isolierte, politisch machtlose Wählergemeinschaft und sonst nur protestierende Einzelpersönlichkeiten diesen Entwicklungen entgegentreten. Als Ortsverband einer großen Volkspartei kann man hier stärker aktiv werden.

Zum Schluss noch einige Feststellungen zum Wie der Parteiarbeit:
Es sollte vorgesehen werden, dass vieteljährliche Veranstaltungen durchgeführt werden, zu denen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft geladen werden, die in Vorträgen über aktuelle Probleme berichten. Die erste Versammlung dieser Art hat bereits mit Minister Hasselmann stattgefunden. zu diesen torträgen sollen nicht nur Parteimitglieder, sondern auch viele Gäste geladen werden, um sie so für die CDU zu interessieren. Wichtig ist noch zu sagen, dass hier keine Exklusivgesellschaft entstehen darf. Die CDU ist eine Volkspartei aus allen Ständen und Schichten.

Weiterhin sollte vorgesehen werden, dass die CDU in einem guten Verhältnis zur SPD bleibt. Wir wünschen keine Konfrontationspolitik, sondern den örtlichen Frieden. Es wird daher keine herausfordernden oder gar abwertenden Wahlaufrufe geben, aber wir werden unsere politischen Auffassungen und Meinungen zur Ortsentwicklung immer mit Nachdruck vertreten wollen.