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Wietze: 1945/nach dem Einmarsch

Wietze während des 2. Weltkrieges

Wietze nach dem Einmarsch 1945
(die Darstellung basiert auf einem Beitrag von Dr. Erich Bunke aus seinem Buch »Wietze im 20. Jahrhundert« sowie Erzählungen von Wietzer Bürgern)

Die Hinterlassenschaft aus der nationalsozialistischen Arbeitspolitik mit zwangsweise ausgehobenen Fremdarbeitern, den sogenannten "Displaced Persons" (DP) brachte nach der Kapitulation erhebliche Probleme, besonders auch in den Orten des LK-Celle. Raub, Plünderungen und Gewaltakte waren 1945/46 an der Tagesordnung. Die Mil. Gov. hat anfangs diese Straftaten sogar geduldet.

Miit der Befreiung der DPs beginnt eine Schreckensherrschaft von einigen Wochen. Sie übten auf ihre Art Vergeltung für die zuvor erlittenen Leiden und Demütigungen. Sie waren in den letzten Tagen und Wochen vor der zusammenbrechenden deutschen Front aus unterschiedlichen Lagern in die Heide zusammengetrieben. Ihre Herkunft, ihre Nationalität und ihr leidlicher Gesundheitszustand bewiesen, daß sie nicht zu den Dauerinsassen des KZs Bergen-Belsen gehörten. Neben den Russen waren es vor allem Polen, daneben in geringer Anzahl Jugoslawen, Slowaken und andere ehemalige Zwangsarbeiter.

In den Baracken der Ovelgönner Lager fanden sie reichlich Gelegenheit zum Plündern. Da sie weder Kleidung noch Lebensmittel hatten, hatte die englische Besatzungsmacht Oldau und die umliegenden Ortschaften zur Plünderung freigegeben. Die Bevölkerung geriet dadurch in die größte Bedrängnis, denn nun veranstalteten die Polen Tag für Tag, selbst nachts, regelrechte Raubzüge in die Umgebung Sie drangen in die Häuser ein, notfalls mit Gewalt, und raubten die Wohnungen buchstäblich aus.

Sie fühlen sich sofort als die neuen Herren, kontrollierten unter fadenscheinigem Vorwand, nach versteckten Waffen und verborgenen deutschen Soldaten suchen zu wollen, alle Räume und Winkel und richten sich für einen Daueraufenthalt ein. Sie kampieren zumeist in Gruppen von zehn bis zwanzig Personen auf Speichern und in Scheunen der Bauernhöfe, weniger in den Wohnräumen, weil ihnen offenbar die räumliche Enge bei der Größe der Gruppen nicht zusagt. Die zahlenmäßige Größe der Gruppen gibt ihnen das Gefühl von Überlegenheit und verschafft ihren Forderungen mehr Nachdruck.

Bei diesen Plünderungen ist am 21. April 1945 der Konrektor Mestmacher von mehreren DPs in seiner Wohnung erschlagen worden. Wie es dazu kam, ist bis heute ungeklärt.

In einem Wochenbericht der Landkreisverwaltung an die Mil. Gov. heißt es u. a.: "DPs plündern nach wie vor Bauernhöfe. Das Vieh wird in alarmierend hoher Zahl geschlachtet. Wenn weiter diese Zustände bleiben, ist die Versorgung der Bevölkerung und die nächste Ernte gefährdet."

Die meisten Straftaten wurden von DPs aus ihren Lagern heraus verübt, während die DPs, die noch auf den Bauernhöfen lebten und vorher ein gutes Verhältnis hatten, häufig sogar "ihre Höfe" gegen Übergriffe verteidigten.
Klagen gab es vor allem über polnische DPs. Ein Polizeibericht des LK-Celle aus 45 meldet: "Die Polen sind nach wie vor frech und herausfordernd. Von den andern Ausländern hört man nichts.”

Aus der ererbten Erkenntnis des Heidjers: „Man mutt verdeilen, watt hierhen, watt dorhen!" waren schon vor Beginn der schlimmen Zeit viele Gegenstände von Wert und Nutzen vergraben worden. Die „Ortsbesetzer” fanden das bald heraus und begannen, mit Sensen oder langen Eisenstangen nach den Schätzen zu suchen, indem sie an den Stellen zu stochern begannen, wo frisch aufgegrabener, deshalb dunkler Erdboden auf die vergrabene Beute hinwies. In den meisten Fällen wurden sie auch fündig, vor allem, weil die Verstecke meistens abseits der Gebäude angelegt worden waren.

Aus der Fülle der von Augenzeugen und Leidensgenossen über diese Zeit seien hier nur einige als beispielhaft und zusammengefaßt wiedergegeben:

Nach dem Morgenmelken stehen bereits Posten vor und in den Kuhställen wie auf den Weiden, um die Milch abzunehmen. Weil gewitzte Bauern immer früher mit dem Melken beginnen (um die Milch dann auch in den während des Krieges plombierten Zentrifugen zu entrahmen und in aufbewahrten Butterfässern zu verbuttern), merken die Zwangsbesetzer das bald. Sie wollten die Vollmilch oder, noch lieber, die Sahne, denn ihre Redewendung ist: „Nix Maschine, nix Separat, Milch nix gut!”
Manche Bauersfrau hat alle Hände voll zu tun, um den Bedarf für sich wie für Nachbarn und die „Besatzer” zu befriedigen.

An Frischfleisch war überhaupt kein Mangel, denn die Tiere waren zu Freiwild geworden und reihenweise abgeschlachtet. Die Eier werden nestfrisch gestohlen, dann die Hühner umgebracht. Uberall auf den Höfen werden Schweine abgestochen, die Rinder von den Weiden geholt und ins Dorf zurückgetrieben, um dort geschlachtet zu werden. Eine sicher nicht vollzählige Uberschlagszählung rechnet mit über 100 abgeschlachteten Großtieren (Schweine wie Rinder). Am Ende werden nur noch die besten Fleischstücke verwendet, der Rest muß verkommen. In dieser Notzeit wird auch für die Wietzer Bevölkerung geschlachtet und das Fleisch zum Abholen für sie aufgeteilt, eine willkommene Versorgung mit Frischfleisch, wo doch so viel und teilweise sinnlos verkommen mußte.

Soweit die betriebsbereiten Fahrräder nicht von der Wehrmacht vorher beschlagnahmt worden waren, werden sie nun nachgesucht und gestohlen. Zum Gespött der Dorfjugend versuchen die "Besatzer" sich im Radfahren zu üben. Bei den als Waffensuche getarnten Plünderungen haben auch viele Wertsachen, Schmuck und Uhren, Rundfunkgeräte und Bestecke den Besitzer schnell gewechselt. Je mehr sich diese Schreckensherrschaft dem Ende nähert, um so interessanter wird der erwachende Bedarf an allem, was des Mitnehmens wert erscheint, und an allen Transportmitteln, vom Handwagen bis zum Ackerwagen mit Geschirr und Pferden. Jetzt wurde auch Bettwäsche, Leibwäsche und Bekleidung, Tischdecken wie Leinenballen und andere Aussteuer geplündert. In wiederholten Fällen kam es zu übermütigen und sinnlosen Zerstörungen wie Aufschlitzen von Betten, Hervorholen von Vorräten an Eingemachtem und die mutwillige Vernichtung beim Zusammenschütten in großen Haufen.

Einige zeigten triumphierend die auf den Unterarm eintätowierte KZ-Nummer, um so die erreichte Wende und die Berechtigung zu dem unvernünftigen Tun nachzuweisen. Es versteht sich, dass viele Taten begleitet werden von schadenfrohen Fragen wie: „Hitler gutt, nicht?”
In vielen Fällen beweisen jedoch die hier vorher als Fremdarbeiter oder Gefangene eingesetzten Fremden, auch im Hinblick auf eine vorher genossene Behandlung, eine gewisse Bereitschaft zum mäßigenden Einfluß auf ihre marodierenden Landsleute, oft mit dem deutlichen Hinweis auf: „Diese Frau gutt, Chef auch gutt”. So können sie, auch gegen ihre Mitbürger neuer Art, oft auch Schlimmeres verhindern oder die Plünderung in Grenzen halten.

Die Wietzer ergaben sich meistens in ihr Schicksal gegenüber der Übermacht und in der Hoffnung, daß es noch schlimmer hätte kommen können. Manchmal taten sich aber auch Wietzer Männer zusammen und griffen die Plünderer an, so dass eine gewisse Beruhigung eintrat.