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Wietze: Kämpfer und die ersten Öljahre

Ein Einwohnerbericht über die ersten Öljahre in Wietze
(Ein Bericht aus den Anfängen der Wietzer Erdölzeit, erstellt von Wilhelm Kämpfer, früher wohnhaft in der Schachtstraße 38 aus »Wietze im 20. Jahrhundert« von Dr. Erich Bunke)

Es war um 1900 herum, als ich vier Jahre alt war, und ich kann mich noch gut erinnern, dass Müllers Großvater, unser Nachbar, öfter mit seinen Lederpantoffeln in unseren kleinen Laden kam, um sich eine Rolle Kautabak zu holen. Wenn er mich sah, dann pflegte er zu singen: "William Witt, dei Hoar, dei sind witt", dann lachte er mich an und schlurfte in seinen Pantoffeln wieder zur Mühle zurück. Mit seinem weißen Vollbart ist er mir noch gut in Erinnerung. Mein Großvater hatte einen Vollbart, den Schnurrbart rasierte er sich aber ab, wie das damals bei den alten Leuten Mode war. Meine Mutter stammte aus Jeversen und hatte es immer sehr eilig, da sie die kleine Landwirtschaft und den Laden versorgen musste, denn unser Vater arbeitete bis 1904 auf den Pook'schen Ölwerken als Platzmeister.

Ja, das war eine tolle Zeit in unserem Dorf. Auf jedem Hofe standen die Bohrtürme. Tag und Nacht war das ein Gebumse, dass die Türen und Fenster wackelten. Wenn einmal Besuch kam und bei uns übernachtete, dann tat er die ganze Nacht kein Auge zu.

Zwanzig Gesellschaften bohrten nach dem schwarzen Gold und wollten dabei reich werden. Aber die meisten sind arm dabei geworden und mussten ihre Bohrtürme an die große Deutsche Mineralölgesellschaft, aus der dann die DEA hervorging, verkaufen. Das Öl wurde in Holzfässern mit Pferd und Wagen nach Celle oder Schwarmstedt gefahren, so kam es, dass wir in Wietze viele Pferde und Fuhrwerke hatten. Der kleine Franz Urban hatte allein fünf eigene Gespanne laufen und noch dazu verschiedene andere Gespanne von Wietzer Bauern angenommen.

In Klein-Wietze gab es keine Pflasterstraßen, so waren die Fahrspuren von den Pferdewagen sehr tief geworden, und es war schlecht, von den Hofstellen überhaupt herunterzukommen. Alle Einwohner von Klein-Wietze haben sich dann auf einer Gemeindeversammlung lautstark beschwert, so dass um 1904 herum die Schachtstraße bis zur Mühle gepflastert wurde. Elektrischen Strom gab es erst ab 1908, deshalb musste an jedem Bohrloch eine Dampfmaschine stehen, die große Presskohlen verfeuerte und einen Riesenkrach machte.

Die vielen Bohrarbeiter kamen jeden Morgen um 6.00 Uhr und arbeiteten dann bis zum Abend um 6.00 Uhr. Sie hießen bei uns "Schuppenkerls", weil sie in diesen Schuppen, die überall bei den Bohrtürmen standen, lebten. Wenn die Woche herum war, erhielten sie etwa 20 Mark ausbezahlt. Dafür konnte man damals sehr viel kaufen.

Als die großen Ölbehälter aufgebaut wurden, kamen dazu viele fremde Leute aus dem Elsaß und aus Westfalen in unser Dorf. Sie wohnten in dem großen neu errichteten Bahnhofshotel oder mit einem Schlafplatz bei alteingesessenen Wietzern. Das war damals den ganzen Tag über ein Gehämmere und Getöse von dem vielen Nieten, die die Bleche zusammenhielten. Die Metallarbeiter waren aber auch sehr grobe Gesellen, so dass Schlägereien an der Tagesordnung waren, und das neue Bahnhofshotel hieß nicht anders als "Hotel zum blutigen Knochen". Wenn in Wietze Schützenfest im alten Saal im Wietzer Hof war, mussten die Einheimischen tüchtig zusammenhalten, um nicht von den Fremdarbeitern zusammengeschlagen zu werden. Der Landjäger (Polizist) "Müller 15" hat hier in Wietze damals viel erlebt und auch manchen Schlag dabei abbekommen. Da es damals noch kein Bergamt gab, musste er als Ungelernter auch die Sicherheitsvorschriften bei den Bohrlöchern mit überwachen, dabei haben die Arbeiter ihm so manchen Streich gespielt. Einmal kam er am Abend in der Dunkelheit in eine solche Maschinenbude, wo eine Sturmlampe ein nur kleines Licht gab, da stand der Heizer aus Hornbostel auf der Bank auf dem Kopfe. Der Polizist "Müller 15" rief:"Was machen Sie denn da?" "Ach", sagte der Arbeiter, "ich habe den ganzen Tag auf den Beinen gestanden, und nun sollen sie sich ein wenig ausruhen." In einem anderen Fall hatte Hellbergs Vater aus Wieckenberg Nachtschicht, als er sah, dass Müller 15 kam, stellte er sich hinter seine Maschine. Als der Polizist dann die Türe aufmachte, öffnete Hellberg das Dampfventil ganz, so dass ein riesiger Krach entstand, und der Polizist ganz vom Dampf eingehüllt wurde und so schnell, wie er nur konnte, den Maschinenschuppen verließ.

Im Herbst 1903 wurde dann die Bahn gebaut. Von da an brauchten auch wir nicht mehr zu Fuß nach Celle gehen. Wenn in Celle Herbstmarkt war, durfte ich meinen Vater begleiten. Das war für mich ein ganz großes Ereignis. Wir kehrten in einer Wirtschaft Schaper auf dem Großen Plan ein, wo ich ein Glas dunkles Bier trinken durfte. Dann gingen wir zum Schützenplatz. Dort wurde ein Viehmarkt abgehalten und viele, viele Rinder und Schafe standen zum Verkauf. Bei Schlachter Matthies bezahlten wir dann unsere Rechnungen vom letzten Monat, denn wir verkauften manchen großen Korb voll Wurst in unserem Laden, dabei mussten wir in Matthies' Stube kommen, und Matthies' Mutter hatte einen großen Teller voller frischer Wurst auf den Tisch gestellt und meinte:"Nun frühstückt erst einmal". So sparten wir das Mittagessen und am Nachmittag fuhren wir mit Welkers Vater und seinen Ponys auf einem kleinen Sitzwagen im Zuckeltrab wieder nach Hause.

Nach Winsen war die Straße nur bis Hornbostel befestigt und führte dort auf einem tiefgründigen Sandwege weiter. Der Gang war beschwerlich und dauerte bis Winsen etwa eine Stunde. Wenn sonntags die Kirche vorbei war, traf man sich auf dem Kirchhof, trank dann bei Helms eine Tasse Kaffee und ließ sich die großen Zwiebäcke gut schmecken. So ein Kirchgang am Sonntag dauerte dann bis in den Nachmittag hinein.

Arbeiten mussten die Leute auch viel länger als heute. In unserem Ortsteil Klein-Wietze hatten sich gleich nach 1900 fast alle Handwerker angesiedelt. Mein Großvater war Schuster und hatte auch ein paar Gesellen. Unser Nachbar Zimmermann Meinheit hatte einen großen Zimmerplatz und mehrere Gesellen. Dann wohnten dort mein Onkel Schneider Kämpfer, Maurer Hornbostel, Schlachter Schmidt. Der Großvater vom Schuster Hornbostel war vor der Verkoppelung Ende des 19. Jahrhunderts der Schweinehirte in Wietze. Als nächstes Grundstück kam dann die Mühle, die bis 1904 noch als alte Rad-Mühle tätig war.

An der Jeverser Straße wohnte in dem Raseneisensteinhaus der Postbote Meinheit. Als kleiner Landwirt fuhr er genau wie mein Großvater das Wietzer Öl bis nach Nienburg auseinander und verkaufte es bei den Bauern als Wagenschmiere.

Von dem Unternehmer Pook sind auch viele Geschichten zu erzählen. Eines Morgens kam der Schmied Ferner bei Pook ins Kontor. Pook konnte sich vor Zahnschmerzen nicht helfen weiter ...

Der nächste Zahnbehandler, der von Schmerzen erlösen konnte, war der Babier Mönckmeyer in Winsen. Aber der Weg dorthin war sehr weit. Meine ersten Zähne hat mir meine Großmutter mit einem Zwirnsfaden ausgezogen.

Wenn jemand sonst krank war, dann wurde Dr. Schmidt aus Winsen gerufen, der ließ sich mit einem Landauer vorfahren.

Vor 1904, als es noch keinen Schützenverein gab, wurde ein "Scheibenbier" gefeiert. Dabei wurde auf einer Bauerndiele, die als Fußboden nur eine gestampfte Lehmschicht hatte, getanzt. Schneiders Opa machte die Musik mit einer Quetschkommode.

In unserem Garten hatten wir eine Laube. Sie hat dort viele Jahre gestanden, und darin hat sich so manches lustige Stück abgespielt. So mancher Kasten Bier ist dabei getrunken worden. 1/2 Liter Bier kostete damals 15 Pfennig. An vielen Tagen kamen zum Frühstück auch einige Bohrmeister, die sich vorher bei meiner Mutter 1/2 Pfund Gehacktes und für 1 Groschen Brot gekauft hatten, und aßen dann in der Laube mit Schnaps und Bier. Es kam auch vor, daß sie den ganzen Tag sitzen blieben und abends dann einige Kästen mit leeren Flaschen herumstanden. Als mein Bruder am 2. Februar 1903 geboren wurde, saß während der Geburt die ganze Stube bei uns voller Kostgänger und Nachbarn. Ich saß bei einem bekannten Nachbarn auf dem Schoß und konnte alles 'gut beobachten. Als dann unser Vater meldete, dass ein Junge angekommen wäre, wurde das Ereignis gleich mit viel Bier und Schnaps begossen.

1902 fing für mich die Schule an. Steinförde und Wietze hatten eine gemeinsame Schule mit Lehrer Meinshausen. Die Schule stand da, wo heute das Pastorenhaus der evangelischen Kirchengemeinde steht. Die große Eiche vor der neuen Kirche ist das einzige, was aus der damaligen Zeit stehengeblieben ist. Gastwirt Adolf Gudehus baute sein Haus auf diese Seite, wo unsere Schule mit der Eiche stand. Sonst gab es auf dieser gesamten Seite der Straße kein Gebäude. Autos fuhren damals überhaupt noch keine. Die Butter zum Verkauf in unserem Laden musste ich zu Fuß aus Jeversen holen. Ich hatte dazu einen kleinen Wagen mit unserem Hund Leo, der in einem richtigen Geschirr ging.

Nach ein paar Jahren bekamen die Bauern so viel Geld für die Hergabe ihres Landes für die Ölförderung, dass sie vor oder neben ihren alten Häusern neue bauen konnten. Gastwirt Warnecke war der erste, der den Preis für 1 Fass Öl mit einem Taler bezahlt haben wollte. Die anderen zogen nach. So kam es, dass Warnecke, auf dessen Grundstücken sehr viel Öl gefördert wurde, schon nach ein paar Jahren Millionär war. Das viele Geld war ihm aber in den Kopf gestiegen, so dass er einige Hundertmarkscheine lose in der Tasche hatte, und sie auch zur allgemeinen Erheiterung für hinterlistige Zwecke benutzte. Sein Sohn Ferdinand wurde von uns der "Germane" genannt, weil er sehr groß und stark war und einen richtigen schönen, blonden Vollbart trug. Er hatte sich einen richtigen Jagdwagen mit Gummirädern, die damals noch sehr selten waren, und dazu echte Rennpferde gekauft. Diese konnten in 1 Stunde bis nach Celle im Trab fahren. Seine Hauptbeschäftigung war die Jagd. Als Warnecken-Mutter die Arbeit in der Küche, die modern eingerichtet war, im Wietzer Hof zuviel wurde für ihr Alter, verpachtete Warnecke die Wirtschaft mit dem schönen neuen Saal daran an Willi von der Brelie und seine Frau Hermine. Die beiden waren vorher in der Gastwirtschaft angestellt gewesen. In vielen Jahren danach konnten sich die Gäste im Wietzer Hof sehr wohl fühlen. auch der Kriegerverein und der Schützenverein hatten hier ihr Vereinslokal eingerichtet.

So um 1908 begann südlich der Bahnhofsstraße (heute Nienburger Str.) der Bau der ersten Siedlung in Neu-Wietze.
Die Häuser waren zwar klein, aber auf einem größeren Grundstück, so dass die Familien auch aus dem Garten leben konnten.
Für die höheren Angestellten entstanden damals auch die schönen Villenhäuser in dem Waldgelände an der Bahnhofstraße.
Hier gegenüber baute der Bohrmeister Hacke ein großes Hotel und dahinter noch ein größeres Wohnhaus. Auch auf dieser Seite wurde dann von der Deutschen Mineral-Ölgesellschaft das große Bürohaus gebaut.
In dieser Seitenstraße (heute Hackestraße) baute Friedrich Eschemann eine Schmiede auf. Es gab für ihn viel zu tun und seine Frau Stine mußte oft mithelfen, wenn er auf Holzräder die neuen eisernen Reifen aufziehen mußte.

Die alte gemeinsame Schule reichte auch nicht mehr aus, so wurde auch 1908 in Wietze die neue Schule gebaut, die heute Kindergarten ist. Der Abschied der Wietzer Kinder vom alten Lehrer Meinshausen fiel ihnen sehr schwer.
In Wietze hatte in der neuen Schule ein junger, forscher Lehrer Reinecke die Schulstelle übernommen und wirkte auch als Chorleiter des Männergesangvereins. Er ist dann im Weltkrieg gefallen.

Im Jahre 1908 entstand auch das evangelische Gemeindehaus, das einen jungen, tüchtigen Prediger "Pastor Isenberg" zugewiesen bekam, der mit frischem Mut an die Arbeit ging, um das Vereinshaus zu bauen. Den Platz dafür stellte der Bauer Heuer zur Verfügung. Das Geld für den Bau wurde vom Pastor von den Öl-Bauern zusammengetragen, so dass bereits 1908 die erste Konfirmation in der provisorischen "Kirche" in Wietze stattfinden konnte. Dieser junge Pastor, Isenberg mit Namen, hat hier dann in dem aufstrebenden Ort Wietze segensreich gewirkt und sich insbesondere auch um die Jugend gekümmert. Weil die Winser evangelische Kirchenleitung eine selbständige Kirche in Wietze immer noch ablehnte, wurde Pastor Isenberg anfangs von den Wietzer Gemeindemitgliedern bezahlt. Der Bau der ersten Kirche und die Bezahlung des ersten Pastors aus freien Stücken war für den aufstrebenden Ort eine wahrlich großartige Leistung. Der Weg zum Waldfriedhof wurde später nach Pastor Isenberg benannt.