
Gefügelschlachtbetrieb: Schlachten kann beginnen/NOZ
Das große Schlachten kann beginnen
Nach dem Erdöl soll in Wietze Europas größter Schlachthof Geld bringen
(Von Stefan Prinz, NOZ, 22.8.2010)
Wietze. Die Bagger rollen: In der niedersächsischen Gemeinde Wietze (Landkreis Celle) entsteht Europas größter Schlachthof – für 135 Millionen Hühner pro Jahr. Die Anlage soll der bettelarmen Gemeinde Geld und Arbeitsplätze bringen. Wie zuletzt der Erdölrausch im Ort vor über 100 Jahren.
Die Tage des Reichtums sind in Wietze lange vorbei. Wer das baufällige Rathaus der 8000-Seelen-Gemeinde betritt, spürt, dass die Kommune jeden Cent umdrehen muss. Die letzte Renovierung liegt lange zurück, die Möbel sind alt, der Putz an den Wänden bröckelt. Außerhalb der Rathausmauern liegt die Arbeitslosigkeit bei 13 Prozent.
„Wir sind seit 1996 eine Bedarfszuweisungs-Gemeinde“, sagt Bürgermeister Wolfgang Klußmann (CDU) fast entschuldigend. „Unseren Haushalt können wir nicht mehr mit eigenen Mitteln decken.“ Wietze benötigt Geldgeber. Investoren machten aber bisher trotz der Nähe zur Autobahn einen Bogen um die Gemeinde.
Noch vor ein paar Jahrzenten war das anders. Damals war Wietze das Zentrum der deutschen Erdölförderung. Dutzende Bohrtürme säumten die flache Landschaft am Rand der Lüneburger Heide und gaben vielen Menschen in der Region Arbeit. Seit den 1960er-Jahren ist damit Schluss. Geblieben sind ein Erdölmuseum und verödete Bohrlöcher, auf denen nicht gebaut werden darf.
Seitdem hat Wietze zu kämpfen: gegen die Arbeitslosigkeit, gegen den Niedergang – und jetzt auch noch gegen militante Tierschützer. Dabei ist die Entscheidung des emsländischen Unternehmers Franz-Josef Rothkötter, am Ortsrand Europas größten Schlachthof zu bauen, ein „absoluter Glücksfall für Wietze“ ist sich Bürgermeister Klußmann sicher.
Die Zahlen des Projektes kennt der Behördenchef so gut wie seine eigene Telefonnummer: Im Endausbau sollen hier 135 Millionen Hühner pro Jahr geschlachtet werden, 27500 in jeder Stunde, mehr als 60 Millionen Euro Investitionen bringen der Gemeinde mindestens 1000 neue Arbeitsplätze. Bis auf die beiden Vertreter von Grünen und Linken haben sich alle Fraktionen im Rat der Gemeinde für den Ausbau ausgesprochen.
Außerhalb des Rathauses ist der Widerstand wesentlich größer. Seit Pfingsten hatten sich militante Tierschützer auf dem Baugelände am Ortseingang verschanzt. Sie wollten den Start der Bauarbeiten mit einem Protestcamp verzögern.
Dabei ging der Widerstand über friedliche Sitzblockaden weit hinaus: Die Vorbereitung der Aktion trägt militärische Züge: „Die haben einen Wohnwagen auf dem Feld bis zum Dach eingegraben, den Boden mit Beton ausgegossen und sich im Inneren angekettet“, erinnert sich Wolfgang Klußmann. Die Polizei benötigte Presslufthämmer und einen ganzen Tag, bis das Feld schließlich vor zwei Wochen von den weniger als ein Dutzend Widerständlern geräumt war.
Seitdem schützen Wachpersonal und ein Bauzaun die 15 Hektar, auf denen mittlerweile die Bagger wühlen. Wer jetzt auch nur einen Fuß auf den Acker hinter die Absperrung setzen will, benötigt einen Besucherausweis. Zu groß ist offensichtlich die Angst, dass weitere Aktionen die Bauarbeiten verzögern könnten. Schließlich ist der Zeitdruck enorm: Bereits im kommenden Mai soll der Betrieb in dem Schlachthof beginnen.
Die Ansiedlung wird das Gesicht der Gemeinde verändern. Der Job des Bürgermeisters hat sich bereits verändert: Klußmann gilt den Protestlern als Zielscheibe: Gefälschte Stellenanzeigen für den Schlachthof sind in der ganzen Gemeinde verteilt worden. Wer sich telefonisch bewerben wollte und die angegebene Nummer wählte, hatte den verdutzten Bürgermeister am Hörer.
Vor wenigen Tagen wollten Tierschützer mitten in der Nacht mit Blechtrommeln vor sein Haus ziehen. Dass sein Schlaf dennoch ungestört blieb, lag daran, dass sie vor dem falschen Haus trommelten.
Als „KZ-Wärter“ und „Massenmörder“ ist er beschimpft worden. Und Gerüchte über seinen Wegzug wurden auch schon gestreut, so Klußmann, der sich im nächsten Jahr trotz allem zur Wiederwahl stellen will. „Es gilt, diesem massiven öffentlichen Druck standzuhalten.“
Wietze brauche diese Investition dringend, betont er. Magere 600000 Euro Gewerbesteuer fließen jährlich in die Gemeindekasse. „Der Schlachthof dürfte mittelfristig der mit Abstand größte Gewerbesteuerzahler im Ort werden.“ Mit dem erhofften Geld will der Verwaltungschef neue Bildungsangebote schaffen und die Kinderbetreuung verbessern.
Bevor im nächsten Jahr die ersten Hühner in der Anlage vom Leben zum Tod befördert werden, muss es mit dem Aufbau vom Hähnchenmästereien in der Region schnell gehen. Um die Anlage mit ausreichend Tieren beliefern zu können, werden 400 Mastbetriebe im Umkreis von höchstens 150 Kilometern um Wietze benötigt – dieses Einzugsgebiet reicht bis nach Hamburg und fast bis Osnabrück. Drei Bauanträge liegen derzeit im Landkreis Celle vor. Ein weiterer Mastbetrieb im Landkreis Harburg, der kurz vor der Inbetriebnahme war und Wietze beliefern sollte, wurde angezündet. Im Verdacht stehen militante Tierschützer.
Respekt für Protestler
Dennoch: Für die legalen Protestler empfindet der Bürgermeister Respekt. „Das sind intelligente Leute. Mir wäre eine bäuerliche Haltung von Hühnern auch lieber.“ Aber der Hunger von „urbanen Lebensräumen“ könne künftig nur noch mit Massentierhaltung gestillt werden, ist sich Klußmann sicher. Ob der Schlachthof vollständig ausgebaut wird, muss der Markt zeigen. Im ersten Abschnitt werde zunächst nur eine Schlachtlinie mit 500 Arbeitsplätzen in Betrieb genommen. Wenn die Nachfrage wie erwartet groß ist, soll der komplette Ausbau folgen – eine sechs Hektar große Erweiterungsfläche steht schon zur Verfügung.
Der Schlachthof wird Erfolg haben, glaubt zumindest der Bürgermeister: „Welcher Unternehmer würde schon 60 Millionen investieren, wenn er daran zweifelt?“








