
Menschen, die im Schützenhof wohnten
Menschen, die im Schützenhof wohnten
Helmut Speiel erinnert sich an Menschen im SchützenhofVon der Familie Weiss habe ich ja schon berichtet. In der 2. Etage wohnte die Familie Klaus Pahl. Weiß und Pahl hatten je 5 Kinder. Da war immer was los. Klaus Pahl besaß eine NSU-Quick mit 98 ccm Hubraum. Wir Jungs fragten, ob wir nicht mal ne Runde fahren dürften. Ich durfte als erster. „Das ist genauso wie Fahrradfahren, Tretkurbel und Rücktritt. Links ist ein Zündunterbrecher, der sogenannte „Angstknopf“. Nun fahr mal los!“ Vier Runden auf dem Hof um die großen Holzdimmen herum. Um anzuhalten, drückte ich den Angstknopf. Der funktionierte aber nicht! Da bin ich in den Holzhaufen gefahren, um anzuhalten. Nix war passiert. Unsere Mütter haben das gar nicht mitbekommen. Am Angstknopf war ein Draht ab. Als Fritz fuhr, konnte er anhalten. Klaus Pahl ist später mit der Quick tödlich verunglückt.
In der ersten Etage wohnte eine Familie Rattay. Robert Rattay war ein Deutschpole und arbeitete am Bohrturm. Er hatte Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Wir machten das manchmal nach.
Wenn wir ihn mal geärgert hatten, sagte er: „Warte mal Freundchen. Ich wird euch geben und ihr bekommt.“
Er hat uns aber nie was getan.
Auf unserem Hofe standen damals noch 2 alte Häuser. Links wohnte eine Familie Streitwolf. Herr Streitwolf war Bergmann. Ein Untermieter wohnte noch dort. Herr Eichler war ein toller Hobby-Fotograf. Er entwickelte seine Bilder selbst und machte sehr gute Vergrößerungen. In der Dunkelkammer durfte ich zugucken und ein bisschen mitmachen. Da ist bei mir wohl die Liebe zur Fotografie entstanden. Ich hab aber auch mal ein Bild gesehen, was nix für Kinderaugen bestimmt war.
In dem Haus rechts wechselten oft die Mieter. Familie Lehrke, Familie Budahn, Familie Noack.
Inzwischen sind alle Gebäude abgerissen, als wir später den Saal und 1973 die Kegelbahn gebaut haben.
Ca. 14 Schuppen und Ställe der Mieter, sowie mindestens 15 Bäume mussten weichen.
Die Fahrradwerkstatt von Fritz Weiss war baufällig und wurde abgerissen.
Aus dem Jahre 1945 existiert noch eine genaue Hausbewohnerliste mit Geburtsdaten, handgeschrieben von Mutter Grete. Die Militärregierung hatte das gefordert.
Das alte Saalgebäude hat eine wechselvolle Geschichte: 1908 erbaut.
Es war Tanzsaal, Turnhalle, 1919 (!) schon Kino mit Stummfilm und Klavierspieler. Gustav Zeuner aus Winsen pachtete den Saal und machte 1939 ein festes Kino daraus mit ansteigendem Fussboden. Das waren 340 Plätze. Während des Krieges waren Tanzveranstaltungen verboten. Im Jahre 1963 verunglückte Herr Zeuner jun. tödlich. Die Witwe, Frau Zeuner, bot uns das Kino zur Weiterführung an. Wir haben das dann bis 1967 weiter geführt. Danach ist die Kegelbahn entstanden.
Von der Strasse aus gesehen wohnte rechts von uns die Familie Gerling. Uhrmacher und Optiker waren seine Berufe. Während des Krieges war August Gerling noch Luftschutzwart und Fleischbeschauer. Wenn jemand ein Schwein geschlachtet hatte, trat er bei bestimmten Familien ein mit dem Gruß:“ Heil Hitler, wo hängt denn das Schwein“?
Als Luftschutzwart musste er Alarm und Entwarnung geben. Dazu war an einem A-Mast ein großes Rohrstück aufgehängt. Mit einem großen Hammer wurde das Rohr angeschlagen, weil es nicht genug Sirenen gab.
Als Kind bin ich in allen Häusern ein- und ausgegangen, nur das Haus Höper habe ich nie von innen gesehen.
Meine Mutter erzählte mir, wie es gegen Kriegsende aussah. Im Gastzimmer und Klubzimmer war die ganze Führungscrew der „Karpatenöl“-Gesellschaft untergebracht. Bombenflüchtlinge und Flüchtlinge aus den Ostgebieten belegten alle freien Plätze. Aus dem Kinosaal wurden alle Stühle und Tische beschlagnahmt. Mutter half, wo es nur ging. Ein englischer Major hatte unser Haus als Hauptquartier ausgesucht und besichtigt. Aber als er den Wasserhahn aufdrehte, kam da kein Wasser heraus. Die Wasserpumpe war noch kaputt. Dadurch ist unser Haus kein Headquarter geworden. Glück gehabt.







