Wietze hat Energie und hier zu leben, ist goldrichtig!

Baustoffe einst und heute

In Steinförde wurden die Pfannkuchen einst nur auf der nördlichen Seite der Straße gebacken, da auf der anderen Seite noch kein einziges Haus stand. Das änderte sich erst nach dem großen Brand, der unser Dorf zu einem erheblichen Teil in Schutt und Asche legte. Dieses Unglück geschah an einem Sonntagmorgen in der Pfingstzeit des Jahres 1806, gerade zu der Stunde, als viele Steinförder in der benachbarten Wieckenberger Kapelle am Gottesdienst teilnahmen. Mit ungebrochenem Mut begannen unsere Vorväter mit dem Wiederaufbau. Im Hochsommer waren alle Häuser soweit, dass die Ernte unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Lediglich der Theilmannsbauer hatte sein Anwesen auf der gegenüberliegenden Straßenseite wieder aufgebaut. Die Lücke zwischen H. Hanebuth und den Gebr. Rahte lässt die alte Hoflage noch erkennen. Seitdem werden also die Pfannkuchen auf beiden Seiten (der Straße) gebacken.

Die neuen Häuser wurden nach der Väter Weise gebaut. In ihren Baustoffen waren sie zu der Zeit noch durchaus erdgebunden. Der Wald bzw. die Hofeichen lieferten das nötige Holz zu Balken, Ständern und Brettern. Die Wände waren aus Lehmflechtwerk. Das Gebälk wurde mit Holznägeln zusammengehalten. (Man sieht sie noch heute an alten Speichern und Scheunen). Das Dach war aus Stroh bzw. Rohr, der Fußboden im Flett aus Kieselsteinen, in der Stube aus Holz. Den Lehm holten die Steinförder aus den Lehmstichen der Südwinser Feldmark. Ursprünglich hatte man die Ständer eingegraben, ab 1709 mussten „die Gründe des Hauses wohlgeleget und untermauret” werden. Dazu nahm man entweder Raseneisensteine aus dem Wietzenbruch oder auch behauene oder unbehauene Feldsteine, die man schon aus der hohen Heide holen musste.

Das Haus wurde vom Zimmermann errichtet, Maurer gab es noch nicht, jedenfalls nicht in unseren Allerdörfern. Es gab aber schon Ziegeleien, eine herrschaftliche im Lindloh (zwischen Hasset und Offen) und eine städtische, die Ratsziegelei zu Garßen. Doch die hatten genug zu tun mit der Belieferung der Stadt Celle. Die Ziegelei im benachbarten Walle gibt es erst seit der Franzosenzeit.
Die Waller aber wussten schon lange vorher von ihrem Schatz im Acker. In geringer Tiefe, etwa 2 - 3 m unter der Erde, gruben sie jenen Tertiärton aus, der in der Eiszeit aus großen Tiefen (auf der Teufelsinsel weist das Bodenprofil den blauen Ton in einer Tiefe von 50 - 110 m aus) emporgepresst worden war. Er wurde zu Backsteinen geformt und in Erdhöhlen zu Ziegelsteinen gebrannt.
Damit belieferten die Waller wohl auch ihre Freunde in den benachbarten Dörfern, sehr zum Ärger der Lindloher Ziegelei, die die Konkurrenz fürchten mochte. Als man Anno 1784 eine neue Scheune auf dem Winsener Pfarrhof bauen wollte, beschlossen die Kirchenjuraten, die Wände mit Steinen auszumauern. Sie benötigten dazu 10.000 Mauersteine, fragten aber vorsichtshalber bei der Lindloher Ziegelei an, ob sie über einen solchen Vorrat an Steinen verfügte. Das war nicht der Fall. So kamen die Winsener auf den naheliegenden Gedanken, die benötigten Steine in Walle brennen zu lassen.

Das wiederum brachte den Ober-Salz-Factor Biedenweg aus Sülze, dem die Lindloher Ziegelei unterstand, in Harnisch. Er beschwerte sich bei der Regierung in Hannover, die ihrerseits den Winsener Amtsvogt ersuchte (19.7.1784), „was es mit der Feld-Stein-Brennerei in Walle für eine Bewandnis, auch in Ansehung des Verkaufs für einen eigentlichen Zweck und Absicht habe, ingleichen, wie die Tauglichkeit der Steine beschaffen sei und woher die sonst am Holz Mangel habende Dorfschaft Walle die zum Steinbrennen erforderliche Feuerung her-nehme”.

Der Amtsvogt jedoch billigte das Tun seiner Waller Amtseingesessenen, zumal der Winsener Kirchengemeinde erhebliche Kosten erspart wurden, „den verarmten Einwohnern von Walle aber, die mit Formierung und Windtrocknung solcher Steine umzugehen gelernt hatten, Gelegenheit verschafft wurde, hierbei etwas zu verdienen und von ihrem Feuerholze, damit sie genugsam versehen sind, etwas zu Gelde zu machen. Die hiesigen Kirchenjuraten ließen daher von den Einwohnern des Dorfes Walle solche Mauer-steine formen und trocknen und durch den Einwohner Sültzer von der Jägerei in einer Erdhöhle brennen. Ungegründet ist es, dass zu Walle Mauersteine zum Verkauf gebrannt werden. Walle gehört in hiesiges Amt und Kirchspiel.
Die Amtseingesessenen, auf deren Kosten der Bau der Scheune geschieht, lassen von ihrem eigenen Lehm, in ihrem eigenen Grund und Boden und von ihrem Holz zu ihrem eigenen Bedürfnis solche Steine brennen. Ich meine, dass man ihnen dieses rechtens auf keine Art und Weise verwehren kann. Sie bedienen sich bloß des Rechtes, ihre Naturgüter zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und haben nichts getan, als was viele andere in den benachbarten Ämtern als z. B. Bergen und Hermannsburg schon seit langer Zeit getan haben, allwo dergleichen Erdbrennereien fast jährlich veranstaltet werden".
„Die Herrschaftliche Steinbrennerei”, so der Amtsvogt von Mackphail, „leidet dadurch nicht; der Lindloher Ziegelei entgeht höchstens der Vorteil von 10.000 Steinen, welche die Winsener Kirchengemeinde von einer jeden anderen Ziegelei ankaufen könnte. Walle hat zwar Mangel an Nutzholz, nicht aber an Feuerholz, das es aus den vielen unbrauchbaren struppichten Fuhren nehmen kann, die sonst auf keine Weise zu nutzen sind.”
Im Übrigen sind die zu Walle gebrannten Steine zum Mauern gut und tauglich. „Von der Fortdauer dieser Steinbrennerei kann ich nichts bestimmtes berichten, weil selbige vorerst mit dem Pfarrhausumbau aufhöret und in der Folgezeit nicht anders stattfindet, als wenn hiesige Untertanen sich solcher allenfalls zu ihrem Bau bedienen wollen.”

Die Regierung in Hannover (6.9.1784) wies die Beschwerde des Biedenweg zurück und bestätigte, dass der Gemeinde Winsen keineswegs zu verwehren sei, für das zu erbauende Pfarrgebäude die benötigten Mauersteine durch Feldbrennen selbst verfertigen zu lassen.

30 Jahre später. Man schrieb das Jahr 1814, die Franzosenzeit war vorüber. Für die Entwicklung der Ziegeleien war sie insofern von Bedeutung, als Canton-Maire und Unterpräfekt ihren Ausbau zu fördern suchten, damit möglichst alle Gebäude mit Ziegeln gedeckt werden konnten. So legte der Holzhändler Joh. Hr. Lohmann aus Winsen bei Walle eine Ziegelei an. Man hatte ihm aus der Gemeinheit zunächst 4 Morgen ausgewiesen. Mit großem Kostenaufwand hatte er dort einen Brennofen, eine Trockenscheune und ein Streichhaus gebaut. Er hatte sich zudem verpflichtet, für das Lehmgraben eine jährliche Anerkennungsgebühr von 2 T, 12 mgr, an die Gemeinde Walle zu zahlen.

Mit dem Sturz Napoleons verschwand auch das kurzlebige Königreich Westfalen, dem unsere Heimat damals angehörte. So bat Lohmann die nun wieder amtierende Kgl. Regierung in Hannover, die ihm während der Zeit der Fremdherrschaft erteilte Konzession anzuerkennen. Er erhielt sie auch, musste sich aber verpflichten, das abgegrabene Gelände so herzurichten, dass es später wieder aufgeforstet werden konnte.

Zudem hatte er für den ihm zugebilligten Platz folgende Gebühren zu entrichten:

Gebühren
Abgaben Kosten
Haus- und Landzins 0 T, 2 gr, 0Pf.
Rottzins 0 T, 3 gr, 0 Pf.
Dienstgeld 2 T, 2 gr, 7 Pf.
ein Rauchhuhn 0 T, 3 gr, 0 Pf.
Rottzehnt 1 T, 0 gr, 0 Pf.
Gesamt 3 T, 10 gr, 7 Pf.

Der Ziegeleibetrieb entwickelte sich gut. Er konnte die vielen Neusiedler ausreichend mit Steinen beliefern. Es war nur schwierig, sie auf den schlechten Wegen an die Bauplätze zu schaffen.

Im Jahre 1855 wurde in Steinförde das Haus Kranz errichtet.
Hr. Fr. Kranz hatte das Grundstück von seinem Schwiegervater Hr. Fr. Hoyer (Heuer) erhalten. Es lag gegenüber dem Cohrshof (Erich Steinbacher) am Meßdorsweg. Das Eichenholz zum Hausbau hatte er gleichfalls von seinem Schwiegervater bekommen. Raseneisensteine bildeten das Fundament. Auch die Wände zwischen dem Eichenfachwerk wurden damit ausgemauert. Mit Lehm und Kalk verputzt gaben sie eine warme und trockene Wand. Die nötigen roten Ziegel-steine aus Walle wurden im Winter bei starkem Frost angefahren. Zu jeder anderen Jahreszeit musste man damit rechnen, daß die schweren Fuhrwerke in dem Moorgebiet vor Winsen stecken blieben.
Das Haus ist (nach einem Bericht von Heinrich Kranz) nicht nur aus roten Ziegeln und Raseneisensteinen gebaut. Es sind darin auch Lehmsteine verarbeitet worden, die an Ort und Stelle mit der Hand gebacken wurden.

Ein reiner Massivbau aus Waller Ziegelsteinen war das Schulhaus in Steinförde, erbaut 1871/72, abgerissen 1933.
Es entstanden zu der Zeit auch die Häuser in KI.-Wietze und an der Wieckenberger Straße, in denen viele Waller Steine verarbeitet worden sind.

Die Waller hatten alle Hände voll zu tun, um die vielen Aufträge im weiten Umkreis zu erfüllen.
Im Jahre 1870 verlegte der damalige Besitzer v. d. Brelie das Werk an den Beverloh am Waller Holz. Dort erlebte es in den Jahren von 1894 - 1904 seine Blütezeit. Damals wurden jährlich 1.600 000 Steine und außerdem 300.000 Dachziegel hergestellt. Doch dann kam der Niedergang. Die großen Ziegeleien hatten sich zu einer Verkaufsvereinigung zusammengeschlossen und machten dem Waller Betrieb starke Konkurrenz, zumal dieser weitab von den großen Verkehrsstraßen lag und die hohen Transportkosten zu Absatzschwierigkeiten führten.
So war der Verfall nicht aufzuhalten. Die Ziegelei wurde nach verschiedenen Transaktionen in die Gesellschaft „Kalksandsteinwerk Walle-Winsen” umgewandelt.
Sie gründete in Südwinsen am Rathberg ein neues Werk. Der Rohstoff Sand war hier in reicher Fülle vorhanden. Auch verkehrsmäßig lag das Werk günstig. Die Dampfer der Allerschleppfahrt konnten, da das Werk unmittelbar an der Aller lag, die benötigten Kohlenmengen ohne große Schwierigkeiten heranschaffen und die Kalksandsteine allerauf- und abwärts befördern. Ein Anschlussgleis brachte den benötigten Kalk herbei. Sand, Wasser und Kalk, unter hohem Druck gepresst und durch hochgespannten Dampf gehärtet, ergeben den weißen Kalksandstein. Wir kennen alle das Werk „Am weißen Stein”, vor dem riesige Stapel fertiger Erzeugnisse auf Abruf warten. Und sie brauchen nicht lange zu warten, denn die Nachfrage war nie so groß wie jetzt, da nach 2 Weltkriegen ein großer Nachholbedarf festzustellen ist.

Paul Borstelmann - Auszug aus seinem Buch »Die Geschichte der Gemeinde Wietze«