Wissen Sie, wann die Gemeinden im Raum Wietze zusammenlegt wurden?

Siedlungsbestrebungen vor 200 Jahren

Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es zwischen den Ortsteilen Steinförde und Wieckenberg noch jenes Waldstück, um das nach einer alten Sage beide Dörfer einst einen erbitterten Grenzstreit geführt haben. Nach kurzem Kampf konnten sich die Steinförder ein Drittel des bis dahin von den Wieckenbergern beanspruchten Dünengeländes sichern. Ein hübscher kleiner Radfahrweg führte quer durch das Kiefernwäldchen. Er verband die Wieckenberger Straße mit den nahe der Wietze gelegenen Wohnstätten.

In den letzten Jahren hat sich dieses Landschaftsbild entscheidend verändert. Die Gemeinde Wietze schuf hier in jahrelangem Mühen einen Sport- und Freizeitpark, eine beachtliche Anlage, die am 6. Dezember 1978 mit der Einweihung der neuen Sporthalle ihren krönenden Abschluss fand. Mit dieser Anlage wurde gleichzeitig eine Siedlungslücke geschlossen, die das alte Reihendorf Steinförde mit seinem Nachbarort Wieckenberg zusammenwachsen ließ.

Nun, von dieser Entwicklung hätten unsere Vorväter auch in ihren kühnsten Vorstellungen nicht zu träumen gewagt. Für eine Ausweitung ihrer Dörfer durch neue Siedlungen waren sie nicht ansprechbar. Freizeiteinrichtungen benötigten sie nicht, da der Alltag ihnen genug Bewegung verschaffte. An heißen Sommertagen sorgte die Wietze nach des Tages Arbeit für ein erfrischendes Bad. Verschmutzung der Gewässer? Das gab es nicht. So ließ man alles hübsch beim Alten und war im Übrigen ängstlich bemüht, den an sich schon eng bemessenen Lebensraum nicht durch Neusiedler noch weiter zu beengen. Man hatte ihnen ja Hut- und Weideberechtigungen und vieles andere mehr einräumen müssen.
Um Hut und Weide war es ohnehin unter den Hirten der im Wietzenbruch berechtigten Dörfer zu vielerlei Streitigkeiten gekommen. Die alten Amtsakten wissen davon zu berichten. So blieb denn die Zahl der Höfe in allen Dörfern unserer Einheitsgemeinde seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit (um 1800) konstant.

Wurde aber wirklich ein Neusiedler in die Wirtschaftsgenossenschaft des Dorfes aufgenommen, so musste die Landesherrschaft wie auch die Realgemeinden ihre Zustimmung geben. Die Herrschaft war natürlich daran interessiert, neue Siedlerstellen zu schaffen, galt es doch, die Wirtschaftskraft des Landes zu starken.

Einem Schreiben des Celler Großvogtes an den Winsener Amtsvogt vom 4.12.1773 ist u. a. zu entnehmen:
„Meine Absicht ist es, dass bei Ovelgönne zwei und bei Rixförde drei ordinäre Kothöfe angebaut und jedem Hof ein nicht zu kleiner Garten, 6 - 10 Morgen Land, auch ein in Kultur zu bringender Wiesenplatz von zwei bis vier Fuder Heu beigelegt werden möge, dazu auch die privative Nachweide auf eigenem Ackerland und die Samthude für etwa 6 - 10 Stück Hornvieh, 60 - 80 Schafe und einige Schweine, schließlich auch der benötigte Heid- und Plaggenhau in gemeinschaftlichen Revieren”.
D. h. zusammen mit den Dörfern Oldau, Südwinsen, Hornbostel und Steinförde.
Den Neusiedlern sollten zehn Freijahre bewilligt werden, auch war den neuen Anbauern das gesamte Holz zum Wohnhaus und zu etwa nötigen Nebengebäuden das Fuhrenholz unentgeltlich zu überlassen. Zusätzlich versprach der Großvogt allen Anbauwilligen eine Beihilfe von 50 Talern.

Der Winsener Amtsvogt glaubte, in der Nähe von Ovelgönne zwei zur Siedlung geeignete Plätze gefunden zu haben. Der Grund und Boden war zwar nicht der beste, doch ließ sich das durch eine gute Kultur ändern. Vorteilhaft erschien es ihm, daß sich dort zwei Straßen kreuzten, die Heerstraße von Winsen nach Fuhrberg und die von Celle nach Steinförde und Wieckenberg. Hier könnte sich, so meinte der Amtsvogt, den neuen Anbauern Gelegenheit zu einigem Nebenerwerb anbieten. Um die mitberechtigten Weideinteressenten für seine Plane zu gewinnen, schlug der Großvogt vor, als Neubauern evtl. Söhne und Anverwandte aus den vorgenannten Dörfern zu bestimmen.

Die Möglichkeit, im Wietzenbruch zu siedeln, muß sich wohl schnell herumgesprochen haben, denn schon bald lag das Gesuch eines Veteranen aus dem 7jährigen Krieg vor, des Invaliden Christian Hanebuth aus dem Amte Bissendorf. Geben wir ihm das Wort:
„Ich habe im letzten Krieg als Konstabel in Kriegsdiensten gestanden. Da ich blessiert (verwundet) bin und zu ferneren Kriegsdiensten nicht tüchtig befunden worden, erhielt ich meine Entlassung nebst Gnadenpension. Wenn diese Pension für mich auch von großem Wert ist, so ist sie doch nicht hoch genug, um davon zu leben. So habe ich mich zu Wiechendorf, Amtsvogtei Bissendorf, als Viehhirte in Diensten begeben. Nun ist es dem Vernehmen nach einem jeden erlaubt, zu siedeln. Mit ist bekannt, dass der in Bissendorf wohnhafte Justus Bösenberg die Erlaubnis erhalten hat, sich bei der Reichsfördener (Rixförder) Brücke im Amte Winsen anzubauen. So wird es wohl auch mir, der ich in Kriegsdiensten gestanden habe, erlaubt werden, neben dem vorerwähnten Justus Bosenberg zu bauen. Dazu erbitte ich das benötigte Bauholz, auch die erforderlichen Beihilfen.”

Bösenberg beabsichtigte, am Rixförder Weg einen Kothof nebst einer Krugwirtschaft zu errichten. Er wünschte, sein Bier daher zu beziehen, wo er es für gut fände, auch nach den üblichen Freijahren statt des Zinses, des Zehnten und der übrigen Lasten eine angemessene Pacht zu bezahlen. Außer einem geräumigen Hofplatz und einem Garten erbat er sich 30 - 40 Morgen Feldland, entsprechend große Wiesen und die Mitinteressentenschaft an Hut und Weide.

Der Amtsvogt gab ihm zu verstehen, dass die Bauern der Zuweisung eines so beträchtlichen Reviers widersprechen würden, er sich auch zu den allgemein üblichen Abgaben verpflichten müsse. So scheiterten denn die Pläne der beiden Bissendorfer an dem Widerspruch der aus den Ämtern Winsen und Gr. Burgwedel zur Weide berechtigten Bauern. Sie scheiterten aber auch an der Tatsache, dass die Kgl. Kfstl. Regierung Hannover zu der Zeit mit Vermessungsarbeiten im Wietzenbruch begonnen hatte, mit Vorarbeiten zur Teilung des Bruches zwischen der Landesherrschaft und den dort zur Weide berechtigten Dörfern.

Die neuen Anbauer waren „in der durch den neuen Fusen-Canal abgewässerten Gegend des sogen. Ententeiches” anzusiedeln. Dort sollten ihnen Gärten, Ackerland, Wiesen und Weiden, auch Moorgebiete zum Torfstich ausgewiesen werden. „Ihr habt nicht nur den zum Anbau an Ricksföhren sich gemeldeten Bösenberg, sondern auch den Invaliden Hanebuth dahin zu verweisen, dass sie sich wegen des Anbaus am lezteren Orte bei der Burgvogtei Celle zu melden hätten”. (Reg. Hannover am 14.1.1774 an Amtsvogtei Winsen)

Die ständig wachsende Bevölkerung drängte nach Lebensraum. Mit der Bevölkerung wuchsen schließlich auch unsere Dörfer. Das galt im Besonderen für unser Steinförde, das bis dahin so zäh am Althergebrachten festgehalten hatte.
So entstand dort, wo der Meßdorweg auf die Wieckenberger Straße stößt, die erste Neusiedlung (Flath-Thies).
Sie gab den Anstoß zu weiteren Siedlungen entlang der Wieckenberger Straße, bildete damit den Ausgangspunkt einer Entwicklung, deren Ergebnis wir eingangs skizzierten.

Paul Borstelmann - Auszug aus seinem Buch »Die Geschichte der Gemeinde Wietze«