Teerkerl

„Teerkerls", von denen hier die Rede sein soll, gab es nur in Edemissen, Wietze und Hänigsen, dort nämlich, wo die sogenannten Teerkuhlen sich befanden. Was hatte es mit diesen Teerkerls auf sich, wo und auf welche Welse gewannen sie ihren Teer?

Hart nördlich des Dorfes Hänigsen, westlich der Straße, die durch den Forst Brand nach Nienhagen fuhrt, befindet sich eine kaum merkliche Erhebung, die von den Dorfbewohnern noch heute „Kuhlenberg” genannt wird. Hier befinden sich seit undenklichen Zeiten die Hänigser Teerkuhlen. Dichtes Gebüsch, gebildet von Schwarzdornen und wilden Beeren, entzieht sie den Blicken der Vorübergehenden. Hier war das Reich der Teerkerls!

Die Teerkuhlen waren gegrabene Löcher mit einer lichten Weite von 0,60 mal 2 Meter. Ihre Tiefe war schwer festzustellen. Das Innere derselben war mit Eichenbohlen ausgekleidet. An den Längsseiten befanden sich in gleicher Höhe Balken, auf die sich der Teerkerl bei seiner Arbeit stellen konnte.
Eigentümer und Nutznießer dieser Teerkuhlen waren die Hänigser Hofbesitzer. Manche von ihnen besaßen eine Kuhle für sich, während andere Kuhlen von mehreren Bauern gemeinsam ausgebeutet wurden. Der Teer wurde zum Schmieren der Wagen benutzt und auf weiten Fahrten unter dem Wagen mitgeführt.
Später befaßten sich die Besitzer der Teerkuhlen nicht mehr selbst mit der Teergewinnung. Sie überließen dieses Leuten, die sich aus dem Schöpfen und dem Verkauf des Teers ihren Lebensunterhalt gewannen. Als Entschädigung sollten die Bauern ihren Bedarf an Teer unentgeltlich erhalten.

Auf einen gewundenen Pfade, durch die Schwarzdornbüsche hindurch, nähern wir uns den Teerkuhlen. Ein eintöniges, sich in gleichen Zeiträumen wiederholendes Plätschern dringt an unser Ohr. Beim Näherkommen sehen wir, daß aus einem Teerloche Wasser geworfen wird, das in Rinnen, die das Wasser im Laute der Zeit sich selbst gegraben hat, abfließt. Von dem ,.Wasserwerfer" ist nichts wahrzunehmen. Als wir dicht an das Loch herantreten, sehen wir einen Mann tief unten mit gespreizten Beinen auf den Balken stehen, die aus der Bohlenwand herausragen. Das ist der Teerkerl! Unaufhörlich wirft er mit der .Geitschüttel' (Gießschaufel) Wasser heraus. Diese Schaufel ist mit Blech ausgeschlagen und hat etwa 15 Zentimeter hohe Seitenflächen.
Nach einiger Zeit, als genug Wasser entfernt ist, steigt der Mann aus der Tiefe empor. Daß Hände, Taschentuch und - beim Abwischen des Schweißes - auch das Gesicht ölig werden, kann sich jeder ausmalen. In der nächsten Kuhle, in der das Wasser fast bis an den Rand reicht, beginnt er seine Arbeit auf ein Neues, indessen wir an das erste Loch zurückkehren und - was müssen wir entdecken - mitten auf der Oberfläche des Wassers in der Tiefe schwimmt eine dicke schwarze Teerperle. Woher ist sie so plötzlich gekommen? Am Rande der Sohlenverkleidung drängt sich ein Ölauge nach dem anderen ans Tageslicht. Hat der Teerkerl das Wasser aus funf bis sechs Teerkuhlen entfernt, so kann er damit beginnen, den Teer zu schöpfen. Unter einem Schwarzdornbusch stehen die Gerätschaften dazu. Da ist zuerst ein hölzernes Gefäß, das den Teer aufnehmen soll. An seinem Henkel befindet sich ein Haken aus Draht. Ferner sehen wir ein Brett (15 mal 26 Zentimeter), das mit einen Stiel versehen ist und schließlich einen hölzernen Haken, etwa 1.20 m lang.
Mit diesen Gerätschaften versehen, steigt der Teerkerl in die Tiefe. Es schwimmen jetzt auf der Oberfläche des Wassers eine ganze Anzahl Fettaugen. Manche von ihnen haben sich vereinigt und bilden handgroße Ölflächen.

Das hölzerne Gefäß hat der Mann an dem Drahthaken auf einen Balken gehängt. Mit dem hölzernen Haken streicht er den Teer auf das Brett und von diesem in das Gefäß, bis der ganze Teer abgeschöpft ist.
Am Abend wurde der gewonnene Teer nach Hause geschafft und wartete nun auf Abnehmer. Da die Hänigser Bauern den Teer allein nicht verbrauchen konnten, in der Umgegend aber kein Teer gewonnen wurde, so wur de er in den umliegenden und auch weiter entfernten Dörfern verhandelt. Dort war der Teerkerl eine bekannte Erscheinung.

Früher wurde das Holzgefäß mit dem Teer in der Kiepe, später mit einem Hundewagen fortgeschafft. Wenn die Bauern den Teerkerl und seine Ware auch nicht entbehren konnten, so stand er, besonders bei den jungen Mädchen, in keinem „guten Geruch". Wir können das aus diesem Reim schließen, der weit und breit bekannt war.

Der Teer wurde nicht nur zum Schmieren der Wagen benutzt. Bei Huf- und anderen Verletzungen der Pferde hatte man seine heilende und reinigende Wirkung erprobt. Daß aber der Teer als Brotaufstrich benutzt sein soll, wie das in einem Geographiebuch aus dem Jahre 1795 berichtet wird, trifft wohl nicht zu.

Wie steht es nun heute um die Teerkuhlen? Zum Schmieren der Wagen wird der Teer seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt. Als zu Beginn dieses Jahrhunderts einige Kilometer nördlich vom „Kuhlenberg” bedeutende Ölfunde gemacht wurden, verkaufte der größte Teil der Besitzer die Kuhlen. Seitdem sind sie verfallen, und mit ihnen ist auch der „Teerkerl" versunken und vergessen.