„Vor Gott und in Wietze ist nichts unmöglich!“ (Otto Meier, ehem. Rektor der Steinförder Schule)

Schuppenke(e)rl

Die Maschinenhäuser und Anbauten der Bohrtürme und Vierböcke der Ölwerke von Wietze waren nur sehr primitive Holzschuppen. Darum nannten die Heidjer um die Jahrhundertwende alle Männer, die dort arbeiteten, "Schuppenkeerls".

Die originellsten "Schuppenkeerls" waren die Winsener mit ihrem traditionellen Holster (Ledertasche mit Tragriemen), mit Regenschirm und Handstock (auch Winsener Wappen genannt). Da es damals noch keine Regen- oder Wettermäntel gab, so war der Regenschirm der unzertrennliche Begleiter dieser Männer.
Der Holster enthielt die Tagesration: etwa 1,25 Pfund Brot, 0,5 bis 0,75 Pfund Schinken oder Speck, eine halbe Knackwurst oder 3 Eier, eine Holzdose mit Butter, 1/8 Liter Schnaps und eine kleine Büchse mit gemahlenem Kornkaffee. Die Wege zur Arbeitsstelle mußten zu Fuß zurückgelegt werden, denn es gab noch keine Fahrräder, und die Eisenbahn fuhr auch noch nicht nach Wietze.
Mancher Schuppenkeerl hatte einen Anmarschweg bis zu 11 Kilometer. Schichtzeit war von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Einige der Leute gingen um 4 Uhr in der Frühe aus dem Hause und waren abends um 8 Uhr wieder daheim.
Der Schichtlohn betrug 1886 1,6 bis 1,8 Mark, 1902 2,6 bis 2,9 Mark. Für die Winsener Bauern waren die Schuppenkeerls im Sommer der Wecker, und sie riefen früh morgens ihre Leute mit den Worten: „Es ist Zeit zum Aufstehen, die Wietzer Schuppenkeerls sind schon vorbei!”

Mancher dieser Keerls hat 16 bis 18 Jahre lang tagtäglich einen Weg von 16 Kilometer zurückgelegt, eine Wegstrecke von über 84.000 Kilometer, also mehr als zweimal rund um die Erde. Eine Leistung, die wir Menschen im Zeitalter der Flugzeuge, Autos, Motor- und Fahrräder uns nicht mehr vorstellen können.

Im Herbst 1903 wurde die Eisenbahn in Betrieb genommen, trotzdem sind noch einige der Leute weiter von Winsen zu Fuß zur Arbeit gegangen. Als sie gefragt wurden, warum sie nicht mit der Eisenbahn führen, sagten sie: „Unsere Kameraden, die mit der Bahn fahren, gehen zur gleichen Zeit aus dem Hause wie wir, warten auf dem Bahnhof 1/4 Stunde auf den Zug, fahren 1/4 Stunde bis Wietze und haben dann vom Bahnhof zur Arbeitsstelle 25 bis 30 Minuten zu laufen. Wenn sie da eintreffen, haben wir uns schon umgezogen, und außerdem sparen wir noch wöchentlich 80 Pfennig Fahrgeld.”

Schuppenkeerls vor einer Bohranlage von 1880.

Nun, Ihr Wietzer Ölmuckels, aus dem Vorstehenden könnt Ihr sehen, daß es Eure Vorgänger, die Wietzer Schuppenkeerls, früher auch nicht leicht hatten und ich glaube, daß keiner von Euch mit ihnen tauschen möchte. Aber darum streiten, wer ein solcher "Schuppenkeerl" ist und wer keiner, brauchen wir uns nicht, denn wir sind alle "Schuppenkeerls"!

Walter Hederich
(EW Wietze)