Erinnern Sie sich noch an die großen Zeiten des Wietzer Fußballs?

Gastarbeiter: Italien/Allgemeines

Gastarbeiter aus Italien

Allgemeines

In Deutschland bestand 1958 noch immer ein erheblicher Arbeitskräftemangel.
In Wietze suchte die Fa. Rahte dringend Arbeiter für ihre Baumschulen.
Bereits 1955 hatte die Bundesrepublik Deutschland mit Italien einen Anwerbevertrag für italienische „Gastarbeiter“ abgeschlossen. In Süditalien herrschte immer noch eine hohe Arbeitslosigkeit, so dass es für die jungen Männer kaum Arbeitsmöglichkeiten gab. Das deutsche Arbeitsamt warb deshalb über eine Agentur in Italien und bot Auswanderwilligen einen Arbeitsvertrag, zunächst jedoch befristet für 6 Monate.

Wie Gäste wurden Gastarbeiter nur selten behandelt

Wer sich in den 50er und 60er Jahren aus den ärmlichen Dörfern des Südens aufmachte, um in Deutschland zu arbeiten, erfuhr bereits im eigenen Land, worauf es ankam: Bei den Anwerbestellen wurden die willigen Arbeitskräfte über das Land nördlich der Alpen so gut wie gar nicht aufgeklärt, dafür untersuchten Ärzte jeden einzelnen Antragsteller gründlich auf mögliche Schwachstellen. Nur wer wirklich gesund war, konnte zur Mehrung des deutschen Wohlstands beitragen. Wer diesen Check überstand, durfte im Zug gen Norden reisen.

Auf diese Weise gelangte im Mai 1958 eine Gruppe von ca. 20 jungen Männern aus Süditalien nach Wietze. Dazu zählte auch Pierino Albano. Die Ankunft in Wietze am 10.05.1958 verlief zunächst wenig spektakulär.
Herbert Bültemann, Kraftfahrer bei der Fa. Rahte, holte die Gruppe mit einem Lkw vom Bahnhof in Celle ab und brachte sie zum bereits hergerichteten Betriebsheim der Fa. Rahte (inzwischen abgerissen, heute Standort von Netto) als Wohn- und Schlafstätte. Hier gab es auch eine Kantine zur Verpflegung der Gruppe.
Die Gruppe hatte bis dahin keine Vorstellungen von Wietze, die meisten auch nicht von Deutschland. Alle hatten aber den festen Willen, hier ordentlich anzupacken, um möglichst schnell zu Geld zu kommen, damit sie besonders ihre in Italien zurückgeblieben Familienmitglieder unterstützen konnten.

Die meisten Wietzer hatten aber auch keine Ahnung davon, was da auf sie zukommen würde.

Das Eintreffen der Italiener sprach sich jedoch wie ein Lauffeuer in Wietze herum und bereits die ersten Erkundungsgänge der Gruppe sorgten für Aufregung. Mütter zogen ihre Töchter schnell von der Straße weg, denn diese Massierung von jungen schwarzhaarigen Männern bereitete ihnen große Sorgen, die auch nicht ganz unberechtigt waren, wie sich bald zeigte.

"Kein Zutritt für Italiener" – das stand in diesen Jahren an mancher Wietzer Gastwirtschafttür. Denn anders als auf den Feldern der Fa. Rahte waren italienische Männer beim abendlichen Ausgehen keine gern gesehenen Gäste.
Nach zahlreichen Überstunden und Wochenendschichten, war aber an Erholung auch kaum zu denken.

Erst nach und nach bröckelten die Vorurteile, und Wietzer und Italiener näherten sich an.

Gemeinsame Arbeit, getrennte Freizeit

Vor allem den Wietzer Männern waren italienische Männer unheimlich – weniger hingegen den Wietzer Frauen jener Jahre. Die waren nicht selten durchaus neugierig auf das südliche Temperament, das ihnen aufregend fern, gar exotisch schien – angesichts der gewohnten deutschen Zurückhaltung.
Die Vergnügungen der Italiener die aus Sizilien, Kalabrien oder Neapel in das graue Wietze kamen, sollte nach dem Wunsch der Wietzer wie auch an anderer Stelle am besten unauffällig und vor allen Dingen ohne jeden Lärm vonstatten gehen.
Manche Firmen in Deutschland richteten für ihre italienischen Arbeiter deswegen sogar eigene Tanzsäle ein, in denen die Männer dann unter sich Arm in Arm den freien Abend genießen konnten.

Nähe durch Nudeln

Für die meisten Neuankömmlinge aus Italien war das Leben in Wietze wie fast überall in Deutschland zunächst ein Schock: Das Wetter war oft scheußlicher als es sich manch ein Sizilianer in seinen Alpträumen ausmalte. Und an Essen war praktisch gar nicht zu denken. Dass die göttliche Nudel seit Marco Polos Zeiten ihren Weg nicht wie von selbst über die Alpen gefunden hatte, musste manchem schier unglaublich vorkommen. Die deutschen Tomaten waren ohne Sonne aufgewachsen, wässrige Gurken konnten beim besten Willen keine Zucchini ersetzen, und den Kaffee wollten viele Einwanderer nicht einmal probieren. Fast konnten sich die Italiener glücklich schätzen, die von ihren Wietzer Nachbarn als "Spaghettifresser" beschimpft wurden, sofern sie denn die Möglichkeit hatten, ihre Nudeln "al dente" zu genießen.
Es dauerte geraume Zeit, bis der Markt die kulturelle Kluft der Lebensmittelversorgung überbrückt hatte und italienische Spezialitäten auch in Celle oder Wietze erhältlich waren. Was eigentlich zur Selbstversorgung der in Deutschland gestrandeten Gastarbeiter gedacht war, geriet zur kulinarischen Integrationsbewegung, einer friedlichen und sogar schmackhaften Küchen-Invasion. Stück für Stück entdeckte die kulinarische Elite im Land der Kartoffeln die Kostbarkeiten der italienischen Küche: Spaghetti und Olivenöl, Balsamico und Grappa, Mozarella und Basilikum setzten innerhalb weniger Jahre die deutsche Hausmannskost vielerorts schachmatt.
Unterstützt wurde dieser Integrationsprozess auch in Wietze durch Pizzerien und einer auch heute noch von einem Italiener betriebenen Eisdiele.
Nachdem die erste Schwellenangst überbrückt war, wurden selbst schwierige Worte wie "Stracciatella" und "Margherita" zu einem festen Bestandteil deutscher Bestellsprache. Auch wenn der Espresso noch Jahrzehnte nach seiner Einführung als "Expresso" nur sprachlich stolpernd eingenommen werden konnte, tat das dem Siegeszug der italienischen Esskultur keinen Abbruch.
Auch die Italiener schufen in ihren Herzen Platz für Deutsches: Schon die ersten Einwanderer hatten ihre Freude an einem Gesundheitswesen, das in der Regel funktionierte, sowie an einer zwar unfreundlichen, aber immerhin berechenbaren Bürokratie. Deutsche Produkte erfuhren anfänglich kaum Anerkennung – allenfalls die der Automobilindustrie.
Trotzdem: Die Kartoffel wird sich wohl nie als heimliches Nationalgericht der Italiener durchsetzen.