
Klaus Bosse ist verschwunden
...plötzlich rief jemand meinen Namen
(erlebt von Dieter Bosse)
Auf dem toten Gleis (der rechte Schienenstrang) des Wietzer Bahnhofs standen 1945 zerstörte Lokomotiven - auf einer Länge des Parkplatzes Rathaus und später Praxis Dr. Bunke bis zur Bahnschranke, Poggenpaulsweg kurz vor dem Bohrbetrieb und späteren Rütergelände. Dort war ein weiterer Bahnübergang und auch ein Bahnwärterhaus. Der Schrankenwärter war Herr Busse.
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Die beschädigten Lokomotiven haben auf viele Jungen und insbesondere meinen Bruder Klaus (damals 6 Jahre alt) einen besonderen Reiz ausgeübt. Wenn wir irgendwie die Gelegenheit hatten, hielten wir uns dort auf. Eben auch an diesem für Wietze denkwürdigen Tag, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, der 36 Stunden lang werden sollte.
Es war nach dem Mittagessen als mein Bruder verschwand.
Das fiel zunächst nicht auf, weil wir beiden selten gemeinsam unterwegs waren.
Am späten Nachmittag – gegen Abend wurde unsere Mutter unruhig.
Unter Theilmanns Eichen hatten wieder Zigeuner kampiert, die das Dorf aber schon verlassen hatten. Diesen Leuten traute man damals alles zu. Auch dass sie Kinder klauen würden.
Eigentlich waren aber auch sie nur auf der Flucht.
In Wietze wurde man aktiv.
Schließlich behauptete ein älterer Junge, er habe beobachtet, dass mein Bruder in die Wietze gefallen sei. Daraufhin suchte die Feuerwehr die Wietze mit langen Stangen ab.
Nachdem sich dann die Polizei den Bengel noch einmal vorknöpfte um ihn genauer zu befragen, erzählte dieser dann, dass mein Bruder wieder aus der Wietze herausgeklettert sei. Da er aber pudelnass gewesen sei, habe er Angst gehabt, nach Haus zu gehen. Er ist dann auf den Bahngleisen in Richtung Winsen gelaufen.
Es kam was kommen musste. Polizei, Feuerwehr und Freiwillige suchten den Winsener Busch ab.
Nichts – Bruder Klaus blieb verschwunden.
Nachts war Fliegeralarm.
Die Familie sammelte sich am nächsten Tag in der Kirche, in der wir ja wohnten und rechnete mit dem schlimmsten.
Dann wurde auch noch bekannt, dass einige der kaputten Loks in Richtung Bremen abgeschleppt worden seien.
Da man nicht ausschloss, dass Bruder Klaus auf einer dieser Loks seine Forschungen betrieben haben könnte, wurde dort der Transport abgesucht.
Vergeblich – trotzdem man so nah am Ziel war.
Am zweiten Tag – die Erwachsenen saßen wieder ratlos unten in der Kirche – ging plötzlich die Tür auf und Bruder Klaus stand vor ihnen.
"Warum heult ihr denn alle?", fragte er.
Er war von oben bis unten schwarz verschmiert.
Die Erwachsenen müssen wohl geglaubt haben, dass ihnen da ein Geist erschienen sei.
Unsere Mutter bereitete dann eine Wanne vor – was ja damals nicht so einfach war. Stand sie doch sowieso immer auf dem Hof.
Sie reinigte ihren Ableger II von oben bis unten. Es gab keine Stelle an seinem Körper, die nicht schwarz war.
Was war nun geschehen?
Bruder Klaus war tatsächlich in einer kaputten Lok. In der dritten – erzählte er.
Er wollte sie reparieren und hatte sich dafür eine Bierflasche voll Wasser mitgenommen.
Eine Lok braucht nun einmal Wasser, wenn sie wieder laufen soll.
Er öffnete die Klappe des Tenders und kroch in den Ofen. Dabei entstand aber Durchzug. Die Klappe schlug hinter ihm zu und er saß wie eine Maus in der Falle. So lange es noch hell war konnte er durch den Rosten nach unten auf die Gleise gucken.
Er hat zwar gerufen, aber niemand hat ihn gehört.
Als es dunkel wurde, hat er sich die Hose ausgezogen und mit ihr zugedeckt. Warum er so vorgegangen ist, hat niemand so recht kapiert.
Es erklärt aber, warum er am ganzen Körper schwarz war von der Asche und dem Ruß.
Er habe zwar Fliegeralarm gehört, aber viel schlimmer sei gewesen, dass er auf den Rosten kaum liegen konnte. Und Durst hatte er. Seine Flasche mit Wasser stand ja draußen vor der Ofenklappe.
Und dann hörte er wieder draußen Stimmen. Kinderstimmen. Auch meine.
Er rief meinen Namen – und ich hörte ihn.
"Wo bist du?“ – fragte ich.
„In der dritten Lok!“ – antwortete er.
Wir kletterten hinein und Siegfried Antelmann holte ihn dann aus dem Ofenloch heraus.
Ich weiß nicht mehr, ob wir ihn bewusst dort gesucht haben. Aber wir haben ihn gefunden.
Etwa 150 m von zu Hause entfernt und doch so unendlich weit weg.
Als unsere Mutter ihn badete, redete er immer so viel dummes Zeug. Bei Grosses wollte er Butter und Honig klauen. Beim Bäcker wollte er Brötchen klauen. Er wollte überall nur klauen.
Frau Dr. Hubrig beruhigte unsere Mutter aber. Ihr Sohn habe wohl doch einen kleinen Schock erlitten. Das würde sich wieder geben.
Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob sich das gegeben hat.









