Wietze hat Energie und hier zu leben, ist goldrichtig!

Wietze: 1945/Frontgebiet

Wietze während des 2. Weltkrieges

1945: Unsere Heimat wird Frontgebiet

Anfang April 1945 hörte man in der Ferne schon Geschützdonner. Offenbar wurde um die Aller- und Leineübergänge gekämpft. Da viele Eltern aus Besorgnis ihre Kinder nicht mehr zur Schule schickten, wurde der Unterricht am 9. April ausgesetzt, um die weitere Entwicklung erst einmal abzuwarten.

Die herannahende Bedrohung verstärkte sich mit dem Luftangriff auf das Celler Bahnhofsgelände (am 8.4.1945) und der bald darauf folgenden Sprengung der Munitionsanstalt Hambühren mit einem stundenlangen schaurigen Feuerwerk am südlichen Himmel, wie es weithin sichtbar und hörbar beobachtet werden konnte.

In den letzten Tagen vor der Besetzung unserer Gemeinden waren in einer Front südlich von Wietze junge Offiziere, die vorher auf einem Lehrgang in Celle waren, infanteristisch eingesetzt. Ihre Waffen bestanden aus Karabinern, Maschinengewehren und Panzerfäusten. Der letzte Kampfkommandant von Celle, General Tschökell, hatte eindringlich befohlen, dass alles (Verlegen von Minensperren, Bau von Panzersperren durch Fällen von Straßenbäumen, Sprengungen der Brücken) getan werden sollte, um den Vormarsch der britischen Truppen aufzuhalten. Er hatte aber ebenso eindringlich verboten, die Ortschaften zu verteidigen, aus der sehr vernünftigen Einsicht heraus, Opfer an der Zivilbevölkerung zu ersparen.

Am 11. und 12. April wurden die Wietze-Brücken (Straßenbrücken und Bahnbrücke) gesprengt. Über diese Maßnahmen war man im Ort sehr unterschiedlicher Ansicht, vor allem, was die Sinnlosigkeit anging, denn der Vormarsch der Alliierten war dadurch nur zu verzögern, ihr Endsieg angesichts ihrer personellen und materiellen Überlegenheit nur für kurze Zeit aufzuhalten.

Wieckenberg

In Wieckenberg war die Kompanie Holler eingesetzt. Diese hatten am 9. April ihren Standort Celle (Heidekaserne, Nebeltruppenschule) verlassen und ihren Gefechtsstand im Haus des Kaufmanns Eggers eingerichtet. Sie sollten vor allem die Panzersperren, die etwa 1.000 m vorm Ort im Wald die Wege nach Fuhrberg und Elze sperrten, sichern. Beidseits der Sperren waren Minen verlegt.

Englische und kanadische Truppen rückten durch das Wietzenbruch gegen Wieckenberg vor. Sie kamen über die Fuhrberger Straße und den Elzer Weg.
Am 11. April erschienen die ersten feindlichen Panzerspähwagen vor Wieckenberg. Ein Panzer erreichte sogar den Dorfplatz und schoss bei diesem Vorrücken die Scheune von Eggers in Brand.
Ein weiterer Panzer lief ca. 100 m vor Wieckenberg auf eine Mine. Tote hat es bei der der Panzerbesatzung nicht gegeben, aber einige Verletzte, so dass sich die Alliierten zunächst wieder zurückzogen.

In Höhe der Kreisgrenze ging ihre Artillerie in Stellung und schoss am 12. April nach Wieckenberg hinein. Einzelne britische Panzerspähwagen rückten erneut zur Aufklärung zuerst auf dem Elzer Weg vor und gerieten hier in das Abwehrfeuer der Verteidiger. Mindestens zwei Schützenpanzer fuhren auf Minen; es gab beim Feind mehrere Verwundete und die Offensive war damit vorerst gestoppt.

Wegen der Übergabe des KZs Bergen-Belsen an die Engländer räumten die deutschen Soldaten unseren Raum. Sofort besetzten englische und kanadische Truppen Wieckenberg und durchkämmten die Häuser. Insbesondere kanadischen Soldaten benahmen sich gegenüber den Einwohnern sehr feindselig. Als sie in einer Wohnung noch ein Hitlerbild an der Wand entdeckten, schossen sie es mit Maschinenpistolen herunter. Aus Vergeltung für die Verluste bei ihrem ersten Vorgehen auf Wieckenberg, legten sie in mehreren Häusern Feuer.
Die Gehöfte von Bornemann und Lindwedel brannten bis auf die Grundmauern nieder, ohne dass die Feuerwehr tätig werden konnte. Auch an weiteren Gebäuden wurde die Brandschatzung versucht. Diese Vergeltung geschah, obwohl sich kein deutscher Soldat mehr in Wieckenberg aufhielt.
Nach Abzug der deutschen Soldaten löste sich der örtliche Volkssturm stillschweigend auf.

Britische Panzerspähwagen
Aufn.: Sammlung Ulrich Saft
Vorstürmende britische Soldaten
Aufn.: Sammlung Ulrich Saft

Siegfried Lohmann berichtet zu den Jahren 1939 bis 1945

Hermann Hoppenstedt berichtet dazu:
Am 12.4.1945 haben wir hier unter Beschuss der Engländer gelegen, da hat das Dorf sehr gelitten.
Dabei wurde die Glocke der Stechinellikapelle oben weggeschossen, auch die Decke wurde beschädigt.
Die Engländer sind dann einmarschiert und haben 3 Häuser angesteckt, zunächst das schöne Haus von Bornemann, dann das von Lindwedel, der es ein paar Jahre zuvor neu gebaut hatte, und schließlich die Gaststätte von Habermann, wo jetzt das Landhaus Wieckenberg steht. Bei Heine und Eggers brannten die Ställe; bei Eggers brannte auch eine Autogarage einschließlich seiner besten Möbel und Sachen, die er dort gerade reingestellt hatte. Er hatte gehofft, dass dort alles sicherer war.

Wietze

Am 11. April, mittags, wurde die massive Wietze-Brücke in Steinförde gesprengt, um den direkten Weg nach Celle zu unterbinden. Es war im Grunde ein unnützes Unternehmen, denn natürlich rollten die Panzer ungehindert durch die flache Wietze hindurch. Nachts flog auch die Wietze-Brücke an der Hornbosteler Straße in die Luft.

Die britischen Truppen hatten bereits die Aller oberhalb von Celle und — nach harten Kämpfen — auch unterhalb im Raume Schwarmstedt überschritten.
Am 12. April erschienen die ersten Panzer aus Richtung Jeversen. Als auch die ersten Schüsse aus Wieckenberg in Wietze zu hören waren, hisste Bürgermeister Hustedt am Wietzer Rathaus mittels eines Bettlakens die weiße Fahne. Er wurde aber wenige Stunden später vom deutschen Kommando in Wietze verhaftet und von der abziehenden Wehrmacht nach Winsen zur kriegsgerichtlichen Bestrafung überführt. Er musste unter den damaligen Bedingungen mit seinem Todesurteil rechnen. In dieser Situation trat der Wietzer Ortsgruppenleiter Erich Lohmann in Aktion. Er fuhr sofort nach Winsen und erreichte noch rechtzeitig, dass der Bürgermeister freigelassen wurde und nach Wietze zurückzukehren konnte. Lohmann hatte in Winsen erklärt, Hustedt sei auf Grund der Schießerei in Wieckenberg durchgedreht und nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Diese Aktion brachte dem Wietzer Ortsgruppenleiter in seiner Situation große Anerkenng, denn in den Jahren vorher hatten sich Bürgermeister und Ortsgruppenleiter oft bekämpft.

Am 13. April 1945 besetzten dann englische Truppen kampflos Wietze, weil die deutschen Truppen den Raum um das KZ Bergen-Belsen geräumt hatten. Jeder Einsichtige hatte längst eingesehen, dass Widerstand vergeblich und unnütz war. Die einrückenden Engländer, die die Zivilbevölkerung ungeschoren gelassen hatten, reparierten als erstes die Brücke an der Hornbosteler Straße. Am 14. April nahmen sie auch den Brückenkopf südlich von Winsen ein, der von den Soldaten der Nebeltruppe unter hinhaltenden Kämpfen geräumt worden war.

Nach Abzug der englischen Kampftruppen schien es, als könnte das gewohnte Leben seinen Fortgang nehmen. Doch die Hoffnung trog. Truppweise tauchten jetzt in großer Zahl Russen. Polen und andere unbekannte Leute auf und überschwemmten unsere Dörfer. Im KZ Bergen-Belsen, wo sie bislang als Kriegsgefangene oder Inhaftierte ihr Leben hatten fristen müssen, waren sie von den Engländern freigelassen worden. Dabei hatte man sie sich selbst überlassen, so dass sie sich auf eigene Faust ein Unterkommen suchen mussten (mehr unter "Wietze nach dem Einmarsch").

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Bewohner Wietzes mit heiler Haut davon kamen und auch durch Kampfhandlungen beim Heranrücken der Front nur unwesentliche Schäden an Haus und Hof entstanden sind.

Die Darstellung basiert im Wesentlichen auf Beiträgen von Paul Borstelmann aus seinem Buch »Die Geschichte der Gemeinde Wietze« und Dr. Erich Bunke aus seinem Buch »Wietze im 20. Jahrhundert« sowie Erzählungen von Wietzer Bürgern.