
Salz hielt die bösen Geister fern
Aber es half auch gegen Fieber, Aussatz und Geschwüre
(Von Christoph Beeck)
Welche Bedeutung das Salz einst im menschlichen Alltagsleben gehabt hat, läßt sich heute kaum noch ermessen. In Zeiten, als es noch keinen Kühlschrank und keine Gefriertruhe gab, war das Salz das bedeutendste Konsvervierungsmittel.
Da Salz das Tote vor der Verwesung, vor der Zersetzung bewahrte, glaubte man, in ihm wohne das „Prinzip des Lebens”. Es ist daher nicht erstaunlich, daß man es als heilig verehrte und ihm wunderbare Heilkräfte zuschrieb. Wie sehr man dieses Mineral schätzte, ist sogar in einem der Grimmschen Märchen nachzulesen. Da sagt zum Beispiel eine Tochter über ihren Vater: „Die beste Speise schmeckt mir nicht ohne Salz; darum habe ich den Vater so lieb wie Salz.”
Bei dieser hervorragenden Rolle im menschlichen Leben erstaunt es nicht, daß dem Salz über seine Bedeutung im Kultus hinaus allmählich auch mancherlei Abwehrkräfte gegen Schadenzauber zugesprochen wurden. Dem Teufel und den Hexen soll das Salz so verhaßt sein, daß es bei teuflischen Gelagen und in der Hexenküche nicht zu finden ist. Auch Zwerge und Nixen machen um Salz einen großen Bogen. Es wurde daher als zweckmäßig angesehen, stets Salz bei sich zu tragen, wenn man nicht verhext werden wollte. Besonderen Schutz gewährt das Salz, das an den vier uatembertagen eines Jahres kirchlich geweiht worden war.
Da auch Brot zu den Grundnahrungsmitteln gehört, finden wir es im Aberglauben oft gemeinsam mit dem Salz genannt. Wer stets beides bei sich führte, konnte nicht verzaubert werden.
In dem berühmt-berüchtigten Hexenhammer wurde den Richtern empfohlen, das am Palmsonntag geweihte Salz zu verwenden, um geheimen Beeinflussungen durch die Hexen zu entgehen. Den Hexen wurde bei der Vernehmung Weihwasser eingeflößt. Dadurch sollte die ihnen vom Teufel verliehene Verstocktheit gebrochen werden.
Wollte man erkennen, wer eine Hexe war, so streute man auf den Weg etwas Salz. Unweigerlich macht die Hexe dann einen Bogen drum herum. Stießen ungebetene Gäste - Bettler etwa - beim Fortgehen Verwünschungen aus, so konnte man diesem Unglückswunsch begegnen, indem man der betreffenden Person eine Handvoll Salz nachwarf. Hatten diese verdächtigen Personen gar das Haus betreten, so streute man etwas Salz ins Herdfeuer und hob so deren geheime Wirkungen auf. Mit derselben Handlung sollte man auch den Bösen hindern, die Seele eines im Hause im Todeskampf liegenden Menschen davonzuführen.
Neugeborene in Salzwasser gebadet
Als schützende und segenspendende Substanz finden wir das Salz an fast allen Abschnitten des menschlichen Lebens.
Schon Neugeborenen legte man ein paar Körnchen Salz auf die Zunge, damit sie nicht behext wurden, oder man hängte ihnen gar als Schutz gegen bösen Zauber einen Beutel mit Salz und Brot um den Hals.
Sehr verbreitet war auch die Sitte, das neugeborene Kind in Salzwasser zu baden, damit es nicht beschrien oder behext wurde.
Auch an dem Wege zur Taufe legte man dem Kind noch Salz und Brot in die Windeln, damit die Hexen keine Gewalt über das Kleine haben sollten.
Im Mittelalter legte man im katholischen Ritus dem Kind das „Salz der Weisheit” in den Mund. Selbst Luther hielt noch an diesem Brauch fest.
Wenn eine arme Mutter ihr Kind aussetzte, legte sie zum Kinde etwas Salz. Es hatte hier eine Doppelbedeutung: Einmal deutete es darauf hin, daß das Neugeborene noch nicht getauft war; zum anderen sollte das Salz lebenserhaltend wirken und böse Dämonen fernhalten.
Am Hochzeitstage trug das Brautpaar Salz in der Tasche gegen Behexung und böse Menschen, die ihm etwas antun konnten.
Entsprechend war der Brauch, der Braut etwas Salz in den Schuh zu tun und dem Bräutigam etwas in den Rockschoß zu nähen.
Auch Wöchnerinnen, die man als besonders gefährdet ansah, wurden so geschützt.
Sogar noch im Tode suchte man das Heil im Salz. Aus den bereits genannten Gründen tat man etwas in den Sarg.
Mancherorts machte man im Sterbezimmer drei Salzhäufchen, kehrte damit dann die Stube aus und streute den Kehrricht auf den Friedhof oder aufs Feld, damit der Tote nicht zurückkehre.
Salz als unglückwehrendes und segenspendendes Mittel kommt an vielen Stellen im Zusammenhang mit dem Haus vor.
Die Funktion eines Abwehrmittels sollte es zweifellos haben, wenn man es in die Grundmauern beim Neubau tat. Der Verfasser hat vor Jahren selbst erlebt, wie ihm ein alter Bauer zum Einzug ins neue Haus Salz und Brot brachte. Auch jungen Eheleuten wird noch heute vielfach Salz gereicht, wenn sie ihre erste Wohnung beziehen. Hier und da wurde auch dem Wagen, der den Brautschatz transportierte, Salz mitgegeben.
Salz schützte auch das Vieh
Eine große Rolle spielte das Salz einst im Umgang mit dem Vieh. Vor dem ersten Austrieb streute man kreuzweise Salz auf den Rücken oder ließ die Tiere über Salz den Stall verlassen. Da die Hexen vor allem in den Zwölfnächten ihr Unwesen trieben, sicherte der Bauer sein Vieh in diesen Tagen, indem er etwas Salz in die Futterkrippe streute. Ahnlich verhielt es sich am 1. Mai oder am Abend vorher. Mit Salz schützte man auch die Kühe vor und nach dem Kalben, entsprechend nachher die jungen Tiere.
Wenn eine Kuh krank wurde, galt sie meistens als behext. Man versuchte dem Tier zu helfen, indem man unter Zaubersprüchen Salz über den Rücken warf oder es ins Wasser tat. Mußte man zum Melken eine Straße überqueren, so konnte der Einfluß böser Leute abgewandt werden, wenn man zuvor etwas Salz in den Milchkübel tat. Ein paar Körnchen Salz sollten helfen, wenn die Milch nicht buttern wollte. Als böses Zeichen wurde es gedeutet, wenn man auf dem Herd Milch überkochen ließ. Dadurch konnten die Kühe nämlich ihre Milch verlieren. Der Schaden konnte aber wiederum abgewendet werden, wenn man stillschweigend etwas Salz ins Feuer streute. Immer wenn Milch von einem Haus ins andere geschafft wurde, sei es durch Kauf oder Verkauf, streute man etwas Salz hinein, um die Kühe nicht zu behexen.
Eine schützende und zugleich segnende Geste finden wir bei der Verwendung des Salzes im Zusammenhang mit dem Brot. Man streut auf den Brotteig kreuzweise Salz. Das Getreide gedieh besser, wenn man in das Säetuch etwas Salz einknotete Salz auf die Garben gestreut, sollte Mäuse fernhalten.
Die Kirche stand diesem Treiben teils skeptisch, teils wohlwollend oder gar fördernd gegenüber, indem sie das Salz segnete. Diese Weihe hatte zur Folge, daß es nicht unnütz verstreut, nicht zertreten, damit nicht gespielt werden durfte. Das alles galt als Sünde und zog Strafe nach sich. War Salz unbrauchbar geworden, so warf man es ins Feuer, damit kein Mißbrauch damit getrieben wurde. Es ist noch heute eine verbreitete Redensart, daß verschüttetes Salz Arger, Verdruß, Zank und Streit nach sich zieht. Am Hochzeitstag verschüttetes Salz bedeutet eine unglückliche Ehe. Besonders schlimm war es aber, wenn es am Silvesterabend geschah oder am Heiligen Abend. Dann stand angeblich ein Trauerfall in der Familie bevor. Wer aus Versehen Salz verschüttete, verscherzte damit sein künftiges Glück.
Redensarten vom Salz
In diesem Zusammenhang hat sich eine Fülle von Redensarten herausgebildet:
Jedes Körnchen kostet eine Träne.
Soviele Körnchen man verstreut, so viele Sünden tut man. Für jedes verschüttete Körnchen muß der Frevler einen oder mehrere Tage vor dem Himmelstor stehen, bzw. diese Zeit in der Hölle absitzen.
Aufheben konnte man diese bösen Folgen, indem man das verschüttete Salz schnell aus dem Fenster warf oder es ins Feuer tat. Salz darf nicht verborgt werden.
Ausgeliehenes Salz bringt Streit ins Haus usw.
Für Orakel zog man das Salz mit besonderer Vorliebe heran.
Wollte man feststellen, ob ein Schwerkranker wieder genas, so nahm man Salz in die Hand und betrat damit stillschweigend das Krankenzimmer. Wurde das Salz feucht, so war mit einem baldigen Tod zu rechnen.
In der Silvesternacht schüttete man für jedes Familienmitglied einen Fingerhut voll Salz auf den Tisch. Wessen Häufchen am nächsten Morgen verleckt, d. h. zerflossen war, der starb im neuen Jahr.
Mädchen setzten auch in der Walpurgisnacht gern mit dem Fingerhut drei Häufchen Salz auf den Fußboden. War am nächsten Morgen einer umgefallen, bekam man bald einen Mann, bei zwei verlor man seinen Kranz, das heißt, wurde vorehelich geschwängert und damit der Schande ausgesetzt, bei drei mußte man sterben.
Selbst das Wetter des neuen Jahres glaubte man aus dem Salz ablesen zu können. Man stellte zwölf Schälchen mit Salz auf. Die Schälchen, die sich später als besonders feucht erwiesen, sollten den Monaten entsprechen, die besonders viel Niederschlag erhielten.
Wer viel Salz ißt oder eine Speise versalzt, gilt als verliebt, ein Mädchen, das zu salzen vergißt, hingegen als fromm und tugendsam. Will ein Kind einen Vogel fangen, so rät man ihm im Scherz, ihm Salz auf den Schwanz zu streuen. Salz auch in Gestalt von Salzlecken soll die Macht der Geister brechen, die in den Tieren angeblich lebendig ist.
Da man schon früh die konservierende Wirkung des Salzes erkannt hatte, setzte man es verständlicherweise auch viel in der Heilkunde ein. Man schrieb ihm eine zusammenziehende, reinigende, besänftigende und verdünnende Kraft zu. Man setzte es ein gegen Jucken, Aussatz und Geschwüre. Man glaubte auch eine Krankheit vertreiben zu können, wenn man eine Grassode abhob, Salz in das Loch streute, darauf harnte und dann den Rasen wieder darüberklappte. Wirkungsvoll war das aber nur, wenn man es an drei Tagen nacheinan der wiederholte und keinen Ton dabei sprach. Fieber glaubte man vertreiben zu können, wenn man Salz über die Schulter in ein fließendes Gewässer warf und dazu drei Vaterunser sprach. Ahnlich verhielt man sich bei Zahnschmerzen, Rose und Augenkrankheiten. Der Phantasie war dabei offenbar keine Grenze gesetzt.
Salz als Zeichen der Treue
Abschließend sei noch etwas über das Salz als Zeichen der Treue und Ergebenheit gesagt. Salz und Brot mit jemandem essen heißt, die wichtigsten Bestandteile der Nahrung, das tägliche Leben gastlich mit ihm zu teilen und damit die festeste, trauliche Verbindung mit ihm aufzunehmen. So wurden Salz und Brot, wohl auch Salz allein, der Prüfstein der Freundschaft und Treue.
Denn das Salz war nicht nur seit den ältesten Zeiten das notwendigste Lebensbedürfnis der Menschheit, sondern galt auch, da es, selbst unvergänglich, vor Fäulnis und Verwesung schützte, als Sinnbild der Ewigkeit und Beständigkeit.
Im Altertum überhaupt war bei Bündnissen und Stiftungen von Freundschaften der Gebrauch des Salzes von symbolischer Bedeutung; bei der Schließung feierlicher Bündnisse wurde als Symbol ihrer Unauflöslichkeit eine Schüssel mit Salz hingestellt, von dem jeder der sich Verbündenden einige Körner aß. Als Zeichen der Ergebenheit galt auch das Fuder Salz, das die Stadt Magdeburg nach gütlicher Beilegung der Fehde 1379 Johannes II. von Biberstein jährlich zu stellen versprach, kein gewöhnlicher Tribut, sondern zugleich wohl symbolisch Bürgschaft des fortwährenden Friedensvertrages.
Als 1803 die münsterschen Amter Vechta, Cloppenburg und Friesoythe von Oldenburg in Besitz genommen wurden,
überreichten die Magistrate der drei Städte den Regierungsbevollmächtigten beim Empfang Salz und Brot. Noch 1902 wurden dem dänischen Prinzen Christian bei seiner Ankunft in Aarhus in Jütland Salz und Brot gereicht, wovon der Prinz und seine Familie aßen, ehe sie ihre Fahrt in den Schloßhof fortsetzten. Auch die Halloren (Salinenarbeiter in Halle) boten nach altväterlicher Sitte an jedem Neujahrstage dem deutschen Kaiser Salz und Brot an; beides wurde auch Reichspräsident Hindenburg später überreicht.
Vielleicht gehört hierher auch das schon im Altertum bekannte Sprichwort, daß man einen Menschen nicht kenne, bevor man nicht mit ihm einen Scheffel Salz gegessen habe. In der Lüneburger Heide heißt es:
Das etwaige Heimweh der jungen Frau verschwindet, wenn sie erst im neuen Haus een Spint Sult" verzehrt hat.








