Haben Sie schon mal Boule gespielt? (mehr)

Das Bälle holen

Ein alter, aber seit vielen Jahren in Wietze nicht mehr gepflegter Brauch

Der alte Brauch des Bälle holens, der früher in der Südheide weit verbreitet war, wird heute nur noch in Garßen gefeiert. Vielerorts wurde dieses Fest im Frühjahr begangen, andernorts gehörte er zum Erntefest.
In der Zeit, als noch nicht ein Fest das andere jagte, war das Ball holen ein großes Ereignis im Dorf. Schon wochenlang vorher lieferte es viel Gesprächsstoff.

Wenn man den Sinn des Ball holens verstehen will, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen. Obwohl in der heutigen Zeit der Winter viel von seinen Unannehmlichkeiten verloren hat, sehnen wir uns doch nach dem Frühling. Wie viel größer wird diese Sehnsucht in einer Zeit gewesen sein, als man gegen die Unbilden des Winters noch nicht so gerüstet war. Walter von der Vogelweide (1200 n. Chr.,) sagt:

Saehe ich die megde an der strâze den bal
werfen! so kaeme uns der vogele schal!

Frühling, Vogelsang und Ball spielen gehörten schon immer zusammen. Das Ballspiel im Frühling hat sich noch bis in unsere Zeit erhalten. Sobald der Winter scheidet, holen die Kinder ihre Bälle hervor; vor einigen Jahrzehnten hatte sich mancherorts die Sitte erhalten, dass am Karfreitage und ersten Ostertage die jungen Leute auf dem Dorfanger zum Ballspielen zusammenkamen, obwohl für jeden Jungen mit der Konfirmation die Zeit des Spielens vorbei war. Mit der Verheiratung scheidet das Mädchen aus dem Kreise der Jugend aus. Es tritt in die Schar der Frauen, das Spiel hat ein Ende. So steht der jungen Frau auch nicht mehr der Ball zu, und darum wird das junge Volk in alten Zeiten am ersten Frühlingstag den Ball von der jungen Frau geholt haben, woraus sich allmählich das Fest des Ballholens entwickelte.
Auch das die junge Frau ihren ehemaligen Gespielinnen Bälle in Nadelkissenform überreichte, ist sehr sinnvoll; für die junge Frau ist aus dem Spiel Arbeit geworden, und für die jungen Mädchen wird früher oder später der Tag kommen, den alle ersehnen, an dem sie den Ball mit dem Nadelkissen tauschen. Der Ball, Symbol des Spielens, ist aus Stoff hergestellt, mit bunten Bändern geschmückt und mit kleinen Püppchen, Schnuller, Babyfläschchen und anderem Zierrat behängt. Sie werden an Holzstielen getragen. Mit dem gefertigten Zierrat und den Bändern stellt die junge Frau ihre Nähkunst unter Beweis. Der Mann beweist seinerseits sein handwerkliches Geschick, indem er einen Stiel an das Zierstück bastelt. Der Ernst des Lebens hat begonnen. Die Zeit des Spielens ist vorbei.

In Wietze bestellten in früherer Zeit die Junggesellen offiziell mit einigen unverheirateten Mädchen im Alter von 17 - 18 Jahren, den sogenannten Balljungfern bei jungvermählten Paaren die Bälle, d.h. es wurde fest abgesprochen, dass das junge Paar einen Ball gibt und es wurde durch die Junggesellen die Balljungfer vorgestellt, die bei diesem Paar den Ball erhielt und suchen musste. Dabei ging es schon sehr fröhlich und lustig zu.

Früher bedeutete das „Bälle bestellen„ anzufragen, welcher Hof bereit sei, das nächste Gemeinschaftsfest auszurichten. Zu diesem Zweck wurde von allen beteiligten eine Spende eingesammelt. Besonders die Jungverheirateten im Dorf mussten sich mit einem Lösegeld zur Finanzierung der Musikanten aus ihrem alten Kreis der Unverheirateten freikaufen. In Dörfern ohne Gasthaus wurde das abendliche Fest mit Tanz in den Bauernhäusern gefeiert.

Am Samstag darauf fand dann das Bälleholen statt. Um die Mittagszeit trafen sich die Ballmädchen und die Junggesellen. Sie marschierten unter Begleitung (meist einer Abordnung des Schützenvereins) zu den „Ballgebenden jungen Ehepaaren„. Dort eingetroffen musste die jeweilige Balljungfer ein überliefertes Gedicht vorzutragen.

Ballgedicht zum Bälle holen

Das junge Paar bat nun die Balljungfern und die Junggesellen in das Haus. Die Suche nach dem Ball und nach dem bunt geschmückten Holzstiel begann. Dazu dachten sich die jungen Paare immer wieder sehr originelle Verstecke aus, und dies war immer wieder Anlass zur Berichterstattung in der örtlichen Presse. Hat die Balljungfer den versteckten Ball und den Holzstiel gefunden, wurde er unter großer und lautstarker Freude der vor dem Hause wartenden Abordnung des Schützenvereins und den Musikzügen präsentiert.
Alsbald ging es dann weiter, denn es wartete schon das nächste junge Ehepaar, um die Balljungfer und die Junggesellen zu empfangen, damit der nächste Ball gesucht werden kann.

In der Regel wurden jedes Jahr vier bis sechs Bälle gegeben und so verging der Nachmittag sehr schnell und man musste sich manchmal sehr beeilen, um noch vor Anbruch der Dunkelheit den Ballsaal zu erreichen, wo schon die Kinder das Tanzbein schwangen und die Erwachsenen den Umzug ungeduldig erwarteten.
Unter den Klängen der Musikzüge wurden dann die Bälle unter der Saaldecke des Ballsaales aufgehängt. Dies ergab immer wieder ein farbenprächtiges und eindrucksvolles Bild.
So ist der erste Teil des Bälleholens beendet und alle Beteiligten erwarteten mit Spannung den abendlichen Festball.

Der Festball war immer wieder ein toller Auftakt zu Beginn des Jahres.

Um 22.00 Uhr erfolgten die Ehrentänze für die ballgebenden jungen Ehepaare und für die Balljungfern mit ihrem Tanzpartner. Nach einer persönlichen Vorstellung wurde der besondere Dank an die Ehepaare, Balljungfern und Junggesellen ausgesprochen. Dies erfolgt immer mit einem großen Hallo und viel Stimmung. Ein erster Höhepunkt des Abends.

Im gut gefüllten Saal ging es dann mit Tanz und Spaß unter den noch an der Saaldecke aufgehängten Bällen weiter. Die Musiker brachten die Gäste zum Siedepunkt, so dass zum Abtanzen der Bälle um eine Stunde nach Mitternacht die Stimmung auf dem Höhepunkt war.

Dazu stellten sich alle Anwesenden im Kreis um die Tanzfläche auf. In der Mitte des Saales stand ein Tisch, auf den die Balljungfer mit einem Partner ihrer Wahl steigen musste. Mit einem Kuss auf dem Tisch mit dem „Auserwählten„ lösten die Mädchen ihren Ball von den Junggesellen aus. Dies geschah immer unter großem Getöse und Gejohle der Anwesenden und brachte eine unbeschreibliche Stimmung - ein Mordsgaudi.

Nach dem Kuss bekamen die Mädchen den Ball übergeben, den sie dann mit nach Hause nahmen, wo er sorgsam verwahrt wurde, um ihn als Jungverheiratete nach gleicher Sitte an ein junges Mädchen weiterzugeben.
Hatten alle Mädels die Zeremonie hinter sich gebracht, erfolgt nochmals ein Ehrentanz für die Ballgeber und Ballmädchen mit dem „Auserwählten„ und dem übergebenem Ball. Kurz danach wurde die Tanzfläche für alle freigegeben. Es war immer wieder ein tolles und prächtiges Bild, wenn sich die farbenfrohen Bälle aus der Menge der tanzenden Paare abhoben und sich im Takt der Musik mit bewegten.
Die tolle Stimmung nutzend, forderten die Musikanten noch mal alles - sich selbst und die Tanzpaare. Es ging noch einmal hoch her.

Weit nach Mitternacht neigte sich dann die Feier ihrem Ende zu. Die Musik spielte die Abschiedsmelodie und einige noch nicht tanzmüde Paare forderten noch eine musikalisch Zugabe. Aber einmal war Schluss, bis zum Bälle holen im nächsten Jahr.

Der Beitrag basiert auf einen Bericht im Speicher, Heimatbuch des Landkreises Celle von 1931.