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Willi Rachow: Der Eulenspiegel von Wietze

Wietze imTaumel eines Viertelmillion-Gewinns
Angeblicher Totogewinner von 211.094 DM vertrank mit Freunden und Gästen rund 2500 DM und schädigte den Gastwirt
(WK, CZ, 13.8.1953)

Ein zweiter Hauptmann von Koepenick ist im Landkreis Celle über Nacht erstanden, aber so hoch, wie seine Ansprüche waren, so schnell versank er wieder in der Vertiefung und was zurückbleibt, ist nicht nur ein ausgemachter Katzenjammer, sondern ein kriminelles Delikt, das sicherlich noch einen Staatsanwalt finden wird. Willi Rachow, seines Zeichens erwerbslos und durchaus nicht mit Glücksgütern gesegnet, kam am Montag im Kreise guter Freunde mit der alarmierenden Nachricht heraus, dass er alle Tipps des Nord-Süd-Totos richtig getippt habe.

Ein großes Hallo wurde laut und das Gratulieren begann gleichzeitig mit dem Raten nach der Höhe des Gewinns. Von 20.000 DM schraubten sich die Erwartungen immer höher und man begann zunächst, mit Bier auf das Wohl des zusehends mehr an Bedeutung gewinnenden Willis zu trinken. Gegen 18 Uhr rief man bei der Zentrale des Totos an und erkundigte sich nach der Höhe des Gewinns. „211.094 DM” betete die Antwort der weiblichen Stimme aus Hannover und als Gastwirt Kurt Röseler mit dem Telefonhörer leicht zu zittern begann und nur ein unfassliches „Donnerwetter” von sich gab, fragte die, Stimme am Draht: „Was haben Sie denn?”

Sobald Kurt Röseler davon sprach, dass ein Gewinner der hohen Quote neben ihm stehe, meinte die Stimme: „Na, dann können Sie ja gratulieren.”
Aber mit dieser Antwort war Gastwirt Röseler nicht ganz zufrieden. Erneut rief er in Hannover an und ließ sieh nochmals bestätigen, dass die Quote beinahe eine Viertel-Milliön betrage. Mehr könne man nicht sagen.
Der Tipschein mit den richtigen Zahlen und den notwendigen Stempeln und Unterschriften ging herum, und alles staunte. Willi Rachow war der gefeierte Mann, und ihm gönnte man es auch, da er völlig unbemittelt als Flüchtling nach Wietze gekommen war. „Mit Sekt muss so etwas begossen werden!”. rief jemand. Und das war das Stichwort für eine wilde Orgie, in der der Sekt in Strömen floss und förmlich eine Kanonade von Sektpfropfen gegen die Decke knallte.

Flaschen wurden beiseitegebracht und verschwanden ungetrunken, aber dem glücklichen Willi war das einerlei. „Macht nichtsl” sagte er, „ich habe ja genug.” Alle Gäste wurden geladen, und erst später betrat man die oberen Räume, um etwas ungestörter zu sein. Gastwirt Röseler musste eine neue Sendung Sekt besorgen, da man mit den Vorräteh schnell aufräumte. Zigarren sollten her. „Aber nicht die zu dreißig!” rief Rachow. Heute wollen wir was Anständiges rauchen." Und die Eine-Mark-Zigarren machten die Runde. Aber eigentümlich, so oft und soviel Kisten und Schachteln mit Zigaretten anrollten, im Nu waren sie leer. Man nahm redlich Anteil an dem Freudenfest, und Willi wurde immer übermütiger. Er schrieb kleine Zettel für einen Lebensmittelhändler aus, auf denen vermerkt war, dass die Zettel bis zu 67 DM Wert besäßen und von Rachow eingelöst würden.

Zwei Motorräder verschenkt

Als ein Freund mit der Höhe des Gewinnes eine Wette für ein Motorrad eingehen wollte, sagte Willi sofort: „Das Motorrad bekommst du so!”
Ein zweiter Freund, der einen ähnlichen Wunsch äußerte, bekam ebenfalls sofort eine Zusage, und Willi rief höchst persönlich bei der Firma Hasselmann an und bestellte zwei Motorräder, die aber glücklicherweise nicht sofort geliefert werden konnten.

In diesem Geiste ging es fort. Willi besaß aber auch noch weiteren Unternehmungsgeist. Er versah sich in wenigen Stunden in die schönen Augen der kalten Mamsell des "Wietzer Hofes", und Gastwirt Röseler versprach ihr eine Kücheneinrichtung, wenn der Fall klar gehe. Verlobung wurde gefeiert, eine Anzeige aufgesetzt und nach Celle zur Veröffentlichung geschickt, aber am nächsten Morgen von der vorsichtigen Gisela zurückgezogen.

Noch war alles eitel Freude und Sonnenschein und kein Mensch ahnte, dass das ganze ein groß aufgelegter Schwindel des anscheinend auf diesem Gebiet nicht ganz unerfahrenen Willi Rachow war. Der Henkell-Trocken knallte immer weiter gegen die Decke und alles war „injeladen”. Bis dann am Dienstag und vor allem am Mittwoch Gastwirt Röseler Bedenken kamen, da überhaupt nichts von der Auszahlung der hohen Quote zu vernehmen war. Bei seinen erneuten Rückfragen kam er immer stärker zu der Erkenntnis, dass er einem groß angelegtem Schwindel zum Opfer gefallen war. Den Schlußstrich wird der heutige Tag unter diesen Betrug setzen, wenn sich Willi Rachow bei Gastwirt Röseler zu verantworten haben wird und man die Höhe der Zeche im einzelnen durchgeht, die Kurt Röseier überschlagsweise mit rund 2.500 DM bezeichnet,

Zweieinhalb Tausend DM sind durch die Kehle vieler teilnehmender Freunde und Gäste geflossen und es ist nicht einfach für den Gastwirt, einen solchen Schock zu überwinden. Aber mit Überaschung und Anerkennung mussten wir gestern abend in den Gesprächen mit ihm feststellen, dass er dieses Tolihausstück mit Humor trägt. „In alter Frische” geht es weiter, ist sein Schlachtruf, und er findet sich mit der Situation meisterhaft ab. Unter Lächeln meinte er, dass er sogar noch etwas dazu gelernt habe, da er habe feststellen müssen, dass es noch geschicktere Leute gebe, als er es von sich selbst angenommen habe. Aber hier liegt es natürlich an der Verschiedenartigkeit des Objektes, denn eine solche Köpenickiade, von der ganz Wietze heute und wohl noch in den nächsten Wochen sprechen wird, setzt nicht nur Geschick, sondern auch eine bodenlose Frechheit voraus.

Wietzer Totoschwindler ist flüchtig
Rachow zog es vor, mit seiner Wohnungsvermieterin zu verschwinden
(CZ, 14.8.1953)

Die Fassade des "Wietzer Hofs", dem Schauplatz der wilden Orgie.
Eine Aufnahme aus geselliger Runde. Im Vordergrund Mamsell Gisela, die „Verlobte für den Verlauf des Festes” und Gastwirt Kurt Röseler. Zwar liegt schon der Schatten des Betruges über den „Wietzer Hof”, aber Gisela nahm die Verlobung nicht ernst und Kurt Röseler besitzt einen prachtvollen Humor. „Ich freue mich nur, daß meine Stammgäste etwas abbekommen haben”, meinte er lächelnd. Er ist neben einem Lebensmittelhändler der Geschädigte von rund 2.500 DM.

O. E. reimte zu dieser Geschichte folgenden Text: In alter Frische

Der falsche Totogewinn
Enttäuschte Braut hob Verlobung auf / Festgelage ln Wietze
(Hamburger Abendblatt, Celle, 13.08.1953)

Die hannoversche Totozentrale hat sich ganz entschieden geweigert, die Namen von zwei Gewinnern bekanntzugeben, die im Nord-Sttd-Fußballtoto am letzten Sonntag je 211 049 DM gewonnen haben.
"Ich werde entlassen, wenn ich die Namen der Gewinner verrate", sagte ein Angestellter des Totos am Telephon, als er aus dem Dorf Wietze (Kreis Celle) von einigen Leuten angerufen wurde. Man sagte ihm, daß im Dorf ein Einwohner alle elf richtig getippt habe. Er müsse demnach einer der Gewinner sein.

Die Totozentrale schwieg sich aus. In Wietze aber begann eine einmalige Toto-Siegesfeier. Ein Einwohner des Ortes hatte seinen Wettschein vorgezeigt, auf dem alle Spiele richtig getippt waren. Nach einer ausgiebigen Gratulation nahm im Hotel Wietzer Hof ein Fest seinen Anfang, das mit Steinhägern begann und mit Sekt endete. Das ganze Dorf gratulierte und feierte mit. Einige, die den Wettschein nachdenklich betrachteten, hatten Bedenken, aber schließlich griffen auch sie zum Sekt, Höhepunkt war die angekündigte Verlobung des glücklichen Gewinners mit einem hübschen zum Fest erschienenen Mädchen.

Nach 24 Stunden: Rund 2.000 DM hatte die Feier gekostet. Nachdem Sachverständige sich den Tippschein angesehen hatten, stellte es sich heraus, daß der Gefeierte keinesfalls im ersten Rang gewonnen hatte.
Um diese Zeit aber lagen die meisten Festgäste schlafend im Bett. Viele hatten Zechschulden, weil sie in der Hoffnung, der Gewinner würde später alles bezahlen, selbst Bestellungen aufgegeben hatten. In diesem letzten Augenblick wurde zu allem Unglück auch die verkündete Verlobung zurückgezogen. Die Braut hatte es sich unter den veränderten Umständen plötzlich anders überlegt.

"Rauschende Ballnacht" fand ihr Ende vor Gericht
(Hamburger Abendblatt, Celle, 29.04.1954)

Einen Spaß, den sich der Arbeiter Willi Rachow aus dem Heidedorf Wietze bei Celle machte, muss er jetzt mit dreieinhalb Monaten Gefängnis teuer bezahlen.
Rachow, der kurz zuvor wegen guter Führung aus dem Gefängnis zurückkam, wollte nach der langen Haftzeit einmal kostenlos an einer "rauschenden ,Ballnacht" teilnehmen. Das gelang ihm auch in vollem Umfange, er wurde sogar der Mittelpunkt eines ihm zu Ehren improvisierten Festes.
In einem Gasthof hatte Rachow seinen Totozettel, den er vorher "frisiert" hatte, auf den Tisch gelegt. Seine Freunde und der Wirt folgerten daraus, dass Rachow 221.000 DM im Toto gewonnen habe. Eine unklare Auskunft des Fußballtotos bestätigte sie in ihrer Ansicht.

Das "Glück im Heidedorf" wurde ausgiebig gefeiert. Wenigstens vierzig Nachbarn kamen herbei, vier Musiker erschienen, der Wirt fuhr Sekt auf und das Serviermädchen verlobte sich mit Rachow. Erst als der Wirt am anderen Morgen seine 2.500 DM für die Zeche haben wollte, stellte es sich heraus, dass Rachow überhaupt keinen Gewinn zu erwarten hatte.
Der wegen Betrugs angeklagte Schwindler berief sich darauf, dass er niemanden von seinem "Gewinn" erzählt habe. Außerdem hätte er selbst nur sieben Flaschen Bier bestellt und sofort bezahlt. Nach der Vernehmung zahlreicher Zeugen kam das Gericht aber zu der Überzeugung, Rachow habe den Eindruck erweckt, dass er am nächsten Tage 221.000 DM erhalten werde.
Die Richter rechneten dem "Eulenspiegel", über den in der Verhandlung vor dem Schöffengericht in Celle herzlich gelacht wurde, zwei Monate auf die Untersuchungshaft an.