
Wilhelm Bokelmann
Alles Wahrheit...
(Helmut Speiel erinnert sich an Originale: Menschen, die man nicht vergisst...)
Eins der letzten Steinförder Originale war Wilhelm Bokelmann, ein gern gesehener Stammgast bei uns im „Schützenhof“. Mit großer Überzeugungskraft konnte er eigene Phantasien als reine Wahrheit verkaufen. Ältere Stammtischbrüder wie Ernst Paland, Fritz Hapke, Hermann Gehrs, Kalli Bockelmann, Hermann Schefter und ich waren fast immer dabei und haben auch alles „geglaubt“. Es war schwierig, den Wilhelm mal zu überführen, der war um keine Ausrede verlegen.
An einem Nachmittag habe ich ihn überredet, seine „Wahrheiten“ auf mein Tonband zu sprechen. Das ist eine tolle Stunde geworden: absolute Rundfunkqualität.
Nur ein Beispiel: W. ein notorischer Schwarzangler ging an der Aller auf Hecht, der auch anbiss. Die Angelschnur verfing sich in den Wurzeln am Ufer. Er bekam den großen Hecht einfach nicht heraus, wollte aber die Schnur nicht „kappen“.
Zufällig kam seine Frau Luise mit ihrem Opel-Kadett dahergefahren.
„Schnell, hole die Black & Deckersäge“!
Er sägte und sägte, die Säge kreischte: „Verdammt, da hat der alte Mesenbrink wieder einen Aalkorb mit Drahtseil festgemacht“.
Das stimmte aber nicht. Er hatte dem Hecht ins Rückgrat gesägt. Der Rücken war gut 15cm breit, mit Moos bewachsen. Darauf hatte noch eine Taube ein Nest gebaut mit 4 Eiern darin. Wilhelm konnte das selbst gar nicht glauben. Wir lauschten andächtig.
Als ich ihn denn fragte, wo er denn den Strom für die Säge herbekommen hatte, grinste er süffisant und meinte, danach fragt man eigentlich nicht.
So kam eine Story nach der anderen aufs Band.
Eine hänge ich noch dran. Wilhelm hatte im Garten ein altes Beet mit Schwarzwurzeln. Mit einem großen Stukenroder rodete er die alle aus. Mit einem Handkarren fuhr er die „Ernte“ nach Wieckenberg zu „Mester“ Engelke und fragte, ob er für eine Stunde die Gattersäge mieten könne.
„Mester“ sagte ja. Wilhelm hat dann Zaunpfähle und Latten gesägt. Daraus ist dann ein Jägerzaun von 1,25 m Höhe und 12 Meter Länge entstanden! Das Holz brauchte ich noch nicht mal „prächnieren“ sagte er. Kalli meinte, das heißt aber „imprägnieren“.
„Ja, das war doch dasselbe“. Wir haben ihn trotzdem kräftig gelobt und versprochen, den Zaun zu besichtigen. Wer´s nicht glaubt, ich kann den Tonbandbeweis antreten.
„Sowahr ich Helmers heiße“ ,pflegte Wilhelm dann zu sagen.
In den 20er Jahren war eine große Notzeit, die Inflation, keiner hatte genug zu essen. Der Ortsteil „Kastendamm“, wo Wilhelm wohnte, war Wilderer-Hochburg. Eines Tages fuhr ein Auto durch die Ernst-August-Strasse.
Wilhelm sah über der Gartenpforte zu.
„Sind Sie Bokelmann“?
„Ja“.
„Auf die Ladefläche“.
Wilhelm in Filzpantoffeln und Barchenthemd rauf auf den Wagen nach Hannover zum Verhör. Alle männlichen Einwohner des Ortsteiles Kastendamm wurden nach Hannover gekarrt. Irgendwie war Wilhelm nicht zu überführen. Aber er musste zu Fuß nach Steinförde durch den Wald laufen in Puschen. Dies ist aber wirklich so gewesen.








