
Speiel: Motorräder (Erinnerungen)
Motorräder
(Helmut Speiel erinnert sich ...)Ende Juli 1945 kehrte ich aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Als Jugendlicher (17).
Mit 1,90 m brachte ich gerade 60 kg.nach Hause. Mühsam kam ich wieder zu Kräften.
Mein Freund Fritz Weiß hatte ein altes Motorrad organisiert: Eine „Flottweg“ mit 181 ccm, Baujahr 1929!
Wir brachten die „Mühle“ zum Laufen. Neben dem Tankdeckel saß eine Handpumpe, mit der musste man alle 5 km 3 mal drücken. Damit war dann die Kurbelwelle und die Lager geölt!. Am Lenker gab es rechts einen Hebel fürs Gas und einen für Spät- u. Frühzündung. Links ein Zündunterbrecher: der Angstknopf. Eine Kupplung war nicht da. Man musste sich abstoßen. Mein Freund Fritz sagte: "setz dich drauf und fahr ne Runde!"
Ich hatte noch nie auf so einem Ding gesessen. Wir fuhren im Winser Busch. Geradeaus ging das ganz gut. Nun wollte ich anhalten, nahm Gas weg, aber kam nicht zum Stehen. Den Angstknopf hatte er mir nicht erklärt. So fuhr ich in einen Telgenhaufen. Ich war froh, ohne Crash davon gekommen zu sein.
Ich sah mir den Motor an. Die Kipphebel hatten 5 mm Spiel! Die Kugelköpfe waren verschlissen.Ich hab die einfach nachgestellt. Da hatte die Mühle richtig Leistung! Ich habe dann sehr schnell fahren gelernt. Da andere Motorräder schon eine Fußschaltung hatten, bogen wir einfach den langen Schalthebel um nach unten.
Einmal verloren wir den den Vergaserdeckel. Mit der Ledermanschette einer Luftpumpe ging es auch. Wir sind sehr lange mit dem Ding ohne Nummernschild gefahren. Die Polizei hatte nur alte Fahrräder. Vielleicht wollten sie uns auch nicht schnappen, weil wir niemand geschadet haben. Einen Sozius konnten wir noch erstehen, jetzt brauchte keiner mehr auf dem Gepäckträger zu sitzen.
Fritz Weiss hatte Talent zum „Schachern“. Er kam mit einer 250er DKW auf den Hof gefahren. Eine ganz schnelle Zweitaktmaschine. War das ein Unterschied! Die lief glatte 130 km/h. Auch das ging unfallfrei ab.
Mit dieser Maschine waren wir im Winser Busch. Wir trafen die Familie Henkel mit meinem Freund Karl-Heinz. Vater Emil hatte auf einem Handwagen eine halbe Baracke aufgeladen und sich im Mahlsand fest gefahren. Wir haben mit dem Motorrad den Wagen rausgezogen. Die Karawane zog weiter. Wir mussten eine Pause einlegen, der Motor war heissgelaufen. Wir drehten die Zündkerze raus und legten sie ins Moos. Nach 10 Minuten hörten wir Geräusche hinter uns. Zwei Männer, einer mit einer 08-Pistole rief „Hände hoch“.Er zeigte uns, dass das Ding geladen war, indem er das Magazin wieder einschob. Sie nahmen uns alles ab. Taschenmesser, Kamm, meinen ersten Monatslohn. 40 Reichsmark. Von meinem Freund auch den Tascheninhalt und unser Motorrad. An der Aussprache merkten wir, dass es Polen waren. Sie jagten uns fort und schossen mit der Pistole hinter uns her, aber sehr hoch, sie wollten uns wohl nicht treffen. Wir kamen in Wietze an. Da wussten es schon die Leute. Wir gingen zu dem englischen Ortskommandanten, der hiess auch Weiß, sprach perfekt Deutsch. Sofort wurde ein Bedford-Auto klargemacht. 3 Soldaten mit grossen Pistolen stiegen ein und wir dazu. Wir konnten sie genau hinführen. Wir sahen sie: Der eine saß auf dem Motorrad, der andere schob. Die hatten vergessen, dass die Kerze nicht drin war. Die Engländer schossen oben in die Baumkronen.
Die Polen warfen das Motorrad weg, zwei Fahrräder lagen daneben. Sergeant Weiss sagte: die Räder gehören euch. Wir luden alles auf. Der Bedford fuhr sich fest. Ich bin zu Fuß zu einem Bekannten gegangen, der mir eine seine Handwinde lieh. So wurden wir wieder flott und kamen heil nach Hause.
Im Dorf wussten alle Bescheid. Wir waren dann kleine Helden. Die Fahrräder waren für uns eine gute Beute.
Ein drittes Motorrad hatte Fritz noch erschachert: Eine 200er Zündapp. Vater Weiß zeigte uns ,wie man den Zündzeitpunkt einstellt. Und schon brummte die alte Kiste. Vater Weiss hatte auf unserem Hof eine Fahrrad- und Auto-Werkstatt. Das war für uns ein Riesenvorteil. Er zeigte uns, wie man Fahrradschläuche aus mehreren Schlauchteilen zusammensetzen kann. Weil es fast nichts zu kaufen gab, war das für uns sehr wichtig. Für andere Menschen konnten wir diese Reparatur ausführen und unsere Kasse aufbessern. Dem alten Herrn Weiß waren wir sehr dankbar und haben ihn auch nie enttäuscht.








