
Helmut Speiel: Meine frühe Kindheit
Am 2.März 1928 wurde ich in Lamstedt, Kreis Land Hadeln geboren. Es war eine Zangengeburt zu Hause. Mein Startgewicht 12 ½ Pfund. Mein Vater verunglückte als Zimmermeister bei einem Hausabbruch tödlich. Da ich erst 4 Monate alt war, habe ich ihn nicht kennen gelernt. Meine Mutter kehrte mit mir nach Wietze zurück zu ihrem Vater, der eine Gaststätte betrieb. Seine Frau Mathilde war 2 Jahre zuvor verstorben. Meine Mutter führte den Haushalt dann weiter.
So bin ich dann als „Kneipenkind“ aufgewachsen. Das war immer interessant. Viermal im Jahr kam ein Herr Friedrichs aus Braunschweig, ein Süßwarenvertreter. Da gab es für mich viel zu „erobern“: Drops, Schokolade, Waffeln und Sahnebonbons... Ein Festtag ! Herr Friedrichs fragte mich, ob ich denn auch klettern könne. Eine dicke gusseiserne Säule im Gastzimmer sollte ich erklimmen. Kein Problem: Wieder eine Tafel Schokolade.
Wenn die Bauern sonntags ihren Skat spielten, war ich meist am Tisch. Einer fragte mich, ob ich ihm nicht die Karten verraten könne. Ich konnte. Das gab schon mal einen Groschen. Die anderen gaben mir auch was, sie ließen mich in dem Glauben, sie hätten das nicht mit bekommen. Aber es wurde lächelnd mit dem Finger gedroht.
Die Sprüche bei Spielfehlern möchte ich heute nicht wiedergeben: Lauter „Kraftausdrücke“!
Eigentlich eine glückliche Zeit. Ich durfte schon mal eine „Braunschweiger Mumme“ trinken, ein tolles Dunkelbier, natürlich alkoholfrei, dazu wurde „Prost“ gesagt.
Die alten Spielkarten und die hölzerne Spielkartenpresse sind heute noch da.
Als ich dann langsam grösser wurde und über den Tisch gucken konnte, sind meine Streiche meinem Großvater wohl nicht mehr genehm gewesen:“Mach, dass du raus kommst!“
Auf unserem Hofe hatte Herr Fritz Weiß eine Fahrradwerkstatt. Der konnte auch Motorräder und sogar Autos reparieren. Das war etwa 1932-34. Sein Sohn Friedrich-Wilhelm wurde mein Spielkamerad.
Herr Weiß ließ uns in der Werkstatt freien Lauf. Wir waren sehr wissbegierig und der Meister hat uns vieles beigebracht. Einen Fahrradschlauch flicken, Speichen einziehen, Rad ausrichten, wie ein Freilauf funktioniert, wie man eine Karbidlampe für ein Fahrrad reinigt und neu füllt. Er hat uns alles gezeigt. Wir waren richtig stolz, weil wir tüchtig helfen konnten.
In der Werkstatt gab es so einen kleinen hölzernen Turm, da waren nach Größe geordnet, Kugeln für Fahrradkugellager drin. Wir hatten herausgefunden, dass diese Kugeln hervorragend zum Schiessen mit der Zwille geeignet waren. Aber im Turm wurden die immer weniger.
Er hat nicht geschimpft, rauchte seine Pfeife oder priemte. Nach Max und Moritz-Manier boten wir ihm an, seine Pfeife zu stopfen. Dass wir ihm da 10(!) Zündblättchen hinein praktiziert hatten, hatte er nicht mit bekommen. In der Küche ging die Piepe los. Bis in die letzte Ecke ist das Zeug geflogen! Meine „gute“ Erziehung“ verbietet es mir, die „Dankesworte“ wieder zu geben.
Sein Sohn Fritz vertauschte einmal seinen Priem Marke „Hanewacker“ mit einem Stück Lackritz, na ja...
Der alte Fritz klagte einmal: „Nix zu tun, nicht mal einen Schlauch zu flicken.“ Fritz jun. sagte: „Das krie- gen wir schon.“ Ein Stück alter Ledergürtel wurde mit Heftzwecken gespickt... und im „Sommerweg“ neben der Strasse mit Sand bedeckt. Ruckzuck war das Geschäft wieder „in Gang“ gekommen. Na ja, unser Schaden war es nicht.
Herr Weiß hatte einen Großauftrag bekommen. Zwei Wagons Fahrräder Marke „EXPRESS“ wurden geliefert. Ganz Wietze bekam Fahrräder. Wir beide haben natürlich bei der Montage geholfen.
Fritz Weiß hatte einen eigenen Werbespruch erfunden: „Wenn du nach Celle fahren willst, musst du in Hambühren schon bremsen, sonst saust du durch bis nach Scheuen“!
Der ganze Ort fuhr diese Räder mit dem großen E“ vorn auf dem Schutzblech.
Wir beide waren technisch sehr interessiert. Nichts war vor uns sicher. Alles untersuchen, auseinander nehmen und wieder zusammenbauen. Weckuhren. Alte Telefone, 4 große Spieluhren. Im alten Tanzsaal (heute ist das eine Kegelanlage) war noch ein großer Schrank sehen geblieben. Das war ein „Orchestrion“, ein Riesenkasten aus dem früher Musik erklang. Da waren 5 Trommeln aller Größen, Becken, jede Menge Orgelpfeifen, eine Menge Pappstreifen mit Langlöchern, im Zickzack gefaltet. Damit wurden die Instrumente gesteuert. Mein Großvater starb im November 1940. Wir Jungs mochten ihn nicht so sehr, weil er so streng mit uns war. Mutter Grete ließ da schon etwas mehr durch.
Dass wir das Orchestrion auseinandernahmen, war klar. Es war längst ausgemustert. Mit den Instrumenten machten wir dann Umzüge.
Längst hatten wir ein eigenes Rad für uns zusammengebaut. Ein alter Rahmen. Mit der Hilfe von Meister Weiß hatten wir das geschafft! Es fuhr recht und schlecht. Die Reifen waren 2-3 Mal „übergelegt“. Das rumpelte etwas beim Fahren.
Wir wollten eine Rekordfahrt machen mit drei Mann den „Oselohberg“ runterfahren! Friedrich-Wilhelm vorne auf der Stange, unser neuer Spielkamerad Erich Klages als Fahrer und ich auf dem Gepäckträger hinten drauf. Ich hatte zwei Dorne, auf die ich meine Füße absetzen konnte. Dorne waren längere Radschrauben für ältere Männer zum Aufsteigen. Doch davon erzähle ich später noch mal. Unsere 3-Mann-Rekordfuhre kam ganz toll in Fahrt, es ging ja steil bergab. Als dann uns ein einzelner Baum entgegenkam, waren sich meine beiden Vorderleute sich über die Steuerung nicht einig. Einer wollte links ,der andere rechts vorbei. Das Ergebnis war: Baum genau mittig getroffen! Ich machte so meine erste Flugreise , so etwa acht Meter durch die Luft. Aber keine ernsthaften Verletzungen, ein paar Hautabschürfungen hatten wir alle. Aber unser schönes Rad! Das Vorderrad sah aus, als wenn die Uhr 9 Uhr zeigt. Felge total verbogen, Speichen gerissen, Gabel verbogen und Plattfuss. Das Rad haben wir dann abwechselnd auf der Schulter durchs Dorf getragen.
Humpelnd zeigten wir dem „alten Fritz“ unser Rekordfahrzeug. Der grinste! Aber am nächsten Tag war das Ding wieder fahrbereit! Das war so ein richtiges Glücksgefühl!








