Niedersächsisches Hallen- bzw. Gulfhaus

Niedersächsisches Hallen- bzw. Gulfhaus

(das "hohle" und das "volle" Haus)
Von Gisela Brix

Fachwerkloser Ziegelsteinbau breitete sich im 17. Jahrhundert von den norddeutschen Marschen her aus

Über Jahrhunderte hinweg bestimmte der bäuerliche Haustyp des niederdeutschen Hallenhauses (auch Niedersachsenhaus genannt) das Landschaftsbild des Celler Landes.
Doch im 17. Jahrhundert breitete sich langsam von den norddeutschen Marschen her ein anderer Haustyp aus und erreichte Anfang des 19. Jahrhunderts auch dieses angestammte Gebiet des niederdeutschen Hallenhauses. Es handelte sich hier um einen neuartigen Bauernhaustyp in Holzgerüstbauweise, der unter dem Namen Gulfhaus oder Gulfhof bekannt wurde.

Das niederdeutsche Hallenhaus wurde in Ständerbauweise errichtet und in seinen Anfängen als Wohn-Stall-Haus bezeichnet. Unter „Ständerbauweise” versteht man, dass auf großen Findlingen als Fundament die dicken Balken (die Ständer) aufgestellt wurden. Im Allgemeinen wurden diese Hofgebäude in Zwei-Ständer-Bauweise erstellt, die
Aufstellung von vier Ständerreihen war die Ausnahme und eher selten.
Die Außenmauern waren in Fachwerkbauweise errichtet.
Die Zwischenräume (die Gefache) wurden mit Flechtwerk ausgefüllt und mit Lehm verputzt. Erst im 19. Jahrhundert
mauerte man diese Gefache mit Ziegelsteinen aus. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch das mit Stroh beziehungsweise Reet belegte Dach mit Dachpfannen gedeckt.

Leben und Wirtschaften unter einem Dach

Der Wohntrakt und der Wirtschaftstrakt des Hallenhauses haben die gleiche Breite, während die Länge des Hauses durch die Anzahl der hintereinander aufgestellten Ständer bestimmt wird. Seiner Funktion nach ist es als so genanntes Einhaus zu bezeichnen, das die Hauptaufgabe des bäuerlichen Lebens und Wirtschaftens unter einem Dach vereinigte, nämlich das Wohnen, das Viehaufstellen, das Erntebergen und die wichtigsten innerhäuslichen Arbeiten.

Beim Gulfhaus hingegen ist der Wohntrakt (das so genannte Vorderhaus) schmaler als das übrige Haus. Durch das an beiden Seiten des Vieh- und Scheunentraktes tief herunter gezogene Dach entstanden an den Längsseiten die so genannten „Abseiten”, die auf verschiedene Arten genutzt wurden.

Gulfhaus (Wangerland) Gulfhaus (aus Ziegelsteinen) Hallenhaus (Heidemuseum)
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Gulfhaus holzsparend als Ziegelsteinbau gebaut

Auch dieser Haustyp wurde als Holzgerüstbau mit Findlingsfundamenten erstellt. Im Gegensatz zum niederdeutschen Hallenhaus war das Gulfhaus jedoch immer ein fachwerkloser Ziegelsteinbau, das heißt es wurde holzsparend gebaut.
Ein weiteres äußerliches Unterscheidungsmerkmal dieser beiden Haustypen ist die Verschiedenheit der Wirtschaftsgiebel.

Beim Niedersachsenhaus befindet sich das große Einfahrtstor mit dahinter liegender weiträumiger Halle (der Tenne) genau in der Mitte des Giebels - die Ansicht des Giebels wirkt dadurch harmonisch. Beim Gulfhaus dagegen fällt auf, dass der Giebel des Wirtschafstraktes durch die Anordnung der Türen ein asymmetrisches Aussehen hat. Das große Einfahrtstor ist an eine Seite gerückt, während sich auf der anderen Seite des Giebels eine kleinere zweigeteilte Türe befindet. Das hat einen praktischen Grund, denn hinter dem großen Einfahrtstor des Gulfhauses liegt die Durchfahrtsdiele, die über die gesamte Länge des Wirtschaftstraktes reicht.
Die beladenen Erntewagen konnten durch dieses Einfahrtstor hineinfahren, ihre Ernte abladen und am anderen Ende der Durchfahrtsdiele durch ein zweites großes Tor hinausfahren - ein Umspannen der Zugtiere beziehungsweise das Wenden der Erntewagen war nicht mehr notwendig. An der gegenüberliegenden Längsseite des Wirtschafstraktes (der zweiten Abseite) waren hinter der zweigeteilten Außentüre die Unterstellplätze für Rinder beziehungsweise Kühe. Auch hier wurde eine Neuerung geschaffen. Denn die Rinder waren im Gegensatz zum niederdeutschen Hallenhaus auf einem gemauerten Hochstand aufgestallt. Abgegrenzt wurde dieser Hochstand durch eine Jaucherinne, die das Sauberhalten der Viehunterkünfte erleichterte. Direkt hinter dem Wirtschaftsgiebel des Gulfhauses wurde der Pferdestall untergebracht, der in mehrere Boxen aufgeteilt war. Diese Boxen hatten eine Abdeckung, durch die ein zusätzlicher Boden zur Lagerung von Ileu für die Winterfütterung entstand.

Stapelräume „Gulfen” gaben Haus den Namen

Der Raum, der beim Hallenhaus als weiträumige 'Penne (Halle) bezeichnet wird und als Zufahrtsraum für die Erntewagen und verschiedene bäuerliche Arbeiten wie beispielsweise Dreschen benutzt wurde, ist im Gulfhaus mit den aneinander gereihten Gulfen ausgefüllt, die dem Haus den Namen gaben. Unter Gulfen sind die hohen Stapelräume zu verstehen, die sich zwischen je zirka vier Meter im Rechteck stehenden Holzständern befinden. Im niederdeutschen Hallenhaus wird die 'Penne von einer mit Balken verstärkten Knüppelholzdecke begrenzt, auf der die Ernte gespeichert wurde. Beim Gulfhaus dagegen reichen die Gulfen ohne Unterbrechung vom Erdboden bis zum Dachfirst hinauf.

In diesen Gulfen wurde das Getreide und das Heu gelagert. Die einander gegenüberstehenden Gulfen sind untereinander mit Balken querverbunden und geben so dem Holzgerüst die nötige Stabilität. Auf diese Art wurde ein wesentlich größerer Lagerraum für die Ernte geschaffen als im Hallenhaus. Bei der Aufstellung dieser Gulfen und dem ganzen Holzgerüst des Gulfhauses konnten wesentlich dünnere Balken verwendet werden als beim Bau des niederdeutschen Hallenhauses. Denn die Balken des Gulfhauses hatten nur das Gewicht des Daches zu tragen und niemals die zusätzliche Last der eingefahrenen Ernte wie es beim Hallenhaus der Fall war.
Da die Ernte im Gulfhaus in den Gulfen bis zum Dachraum gestapelt werden konnte, bezeichnete man dieses Haus als erdlastiges Haus - als „volles” Haus, während das niederdeutsche Hallenhaus wegen der Art der Erntelagerung oberhalb der Knüppelholzdecke als balkenlistiges Haus bezeichnet wurde - man nannte es trotz gefüllter Erntespeicher das „hohle” Haus.
So wie das Äußere unterscheidet sich auch das Innere dieser beiden Bauernhaus-Typen wesentlich voneinander.
Beim niederdeutschen Hallenhaus schließt sich direkt an die Tenne (die Halle) mit den Viehunterkünften an den Längsseiten das Flett (der Herdraum) mit den beiden seitlichen halbhohen Nischen (den Luchten) an.

Flett mit Herdfeuer - Mittelpunkt im Hallenhaus

Dieses Flett reicht quer über die gesamte Hausbreite und war der Wohnbereich, in dem sich das gesamte bäuerliche
Leben abspielte. Es galt mit dem ebenerdigen Herdfeuer als eigentlicher Mittelpunkt des Hauses. Eine Längsseite des Fletts war zur Halle hin weitgehend offen, so dass von diesem Bereich aus das Geschehen in den Viehställen und im Tennenraum überblickt werden konnte.
Während in einer der Luchten der Essplatz für die Bauernfamilie und das Gesinde eingerichtet war, befand sich in der gegenüberliegenden Luchte mit einer kleinen Außentüre ein Bereich mit dem Geschirrschrank, der Wasserpumpe und dem Waschfass - hier war der Wirtschaftsbereich für die Frauen. An die Herd- beziehungsweise Feuerwand des Fletts schloss sich das Kammerfach mit den einzelnen Kammern und den Schlafstellen der Bauernfamilie und der Hofleute an.

Der Wohnbereich des Gulfhauses, das so genannte Vorderhaus, war dagegen von der Gulfscheune und den Viehställen stets durch eine gemauerte Ziegelstandwand getrennt, in die lediglich eine kleine Türe als Verbindung angebracht war. Dahinter befand sich die große Wohnküche und eine separate Stube mit daran anschließenden Kammern. In diesem Wohnbereich, der nicht nur zum Kochen und Essen, sondern auch für alle anderen hauswirtschaftlichen Arbeiten benutzt wurde, waren die Schrankbetten (die Alkoven) der bäuerlichen Familie in die Wände eingebaut.
Ein weiterer wichtiger Unterschied der beiden Bauernhaustypen ist die Art der Feuerstelle, die nicht nur zum Kochen, sondern auch als Wärme- und Lichtquelle gebraucht wurde. Im niederdeutschen Hallenhaus war zu Anfang die
ebenerdige Herdstelle zu finden, die von allen Seiten begehbar war. Der Rauch des Feuer zog durch die Knüppelholzdecke in die eingelagerte Ernte, trocknete das Getreide nach, beizte das Korn und hielt es somit von Ungeziefer frei.
Das Gulfhaus hingegen hatte immer schon eine kaminartige Herdstelle mit Rauchabzug, von der aus auch angrenzende Räume wie beispielsweise die „gute Stube” beheizt werden konnten.

Beide Haustypen als reine Zweckbauten errichtet

Doch trotz ihrer Verschiedenheit haben beide Bauernhaustypen das niederdeutsche Hallenhaus und das Gulfhaus - die Gemeinsamkeit, dass sie ihrer Nutzung nach als reine Zweckbauten errichtet wurden und die Bereiche Wohnen, Viehunterstellung und Erntelagerung unter einem einzigen Dach vereinten.